Manchmal…

Ein weiteres Mal stimme ich der Schreiberin des Blogs „selbstversunkenheit“ aus vollem Herzen zu. Für alle, die sich fragen, was ich so tue, wenn ich nicht blogge: Ich beende gerade das Manuskript für „Schreiben zur Selbsthilfe“, ein Ratgeberbuch mit vielen Anregungen und Erklärungen, wie Schreiben glücklicher, gesünder, selbst-bewusster machen kann. Es wird bei Springer als Print- und E-Book erscheinen – und es wird als Extra auch gesprochene Anleitungen zum Download geben. Bis es soweit ist, habe ich noch einiges zu tun, darunter viel Neues und Aufregendes. Die Geburt eines Buches zu erleben, ist fast wie eine echte Geburt: Ein langer Prozess der Entwicklung, eine Zeit, in der nichts anderes Thema ist, auch Ängste, ob alles gut geht bei und nach der Entbindung. Die Zeit danach ist dann hoffentlich von Erleichterung und Freude gekrönt. Ich melde mich in Bälde wieder bei Euch und wünsche Euch solange einen genießerischen Sommer. Eure Birgit

Schreibt!

Manchmal ist es wichtiger zu leben, als zu bloggen

Und deshalb ist hier auch gerade Sendepause. Ihr versteht das sicherlich😉

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Alles wird gut

Worte wirken. Das erzähle ich hier in regelmäßigen Abständen. Im Augenblick sind es Sätze, die wirken. Das kennt Ihr vielleicht auch: Irgendjemand sagt lapidar ein paar Worte und in Eurem Kopf macht es hörbar: „Klick“. Ihr wisst in diesem Moment: „Da hat jemand genau das Richtige gesagt.“ Oder Ihr denkt: „Das ist die Lösung – dass ich da vorher nicht drauf gekommen bin.“

Leider kann man diese Sätze nicht einfordern. Sie kommen uns zu Ohren oder sie kommen uns eben nicht zu Ohren. Es hilft, wenn ich offen für sie bin. „Neugierig und offen“ – ist selbst so eine wichtige Phrase und zugleich eine magische Haltung  für alle Lebenslagen. „Wie ich wohl diesmal wieder mit dieser gruseligen Krise umgehen werde?“, kann ich mich immer fragen und mich gleich ein bisschen besser fühlen. Dabei  begebe ich mich nämlich in eine Beoachterposition und stecke nicht mehr so tief im Gefühlsdickicht fest.

Im Moment frage ich mich manchmal, „Wie ich wohl diesmal die Deadline für mein Buch schaffe, ohne Nächte durchzumachen und mich verrückt zu machen?“ Ich kann Euch beruhigen: Noch ist alles im Lot. Mir geht es gut. Dank dieser magischen Sätze, die manche Leute einfach mal so vom Stapel lassen oder aufschreiben und die bei mir ins Schwarze treffen.

„Wer schnell sein will, muss langsam gehen“, ein Buchtitel, erinnert mich etwa daran, dass Aktionismus meist ins Leere führt – bei meinem Buch etwa zu vielen vollen Seiten ohne brauchbaren Gedanken. Wochenlang war „Masse statt Klasse“ ein guter Tipp – in meinen Freewritings fand ich viele Gedankenperlen, aber nun geht es ums Ernten, ums Verdichten, ums Aussortieren, ums Fertig werden. Da schalte ich vor dem Schreiben einen Gang herunter und überlege, was ich genau für den nächsten Abschnitt benötige.

An dieser Stelle bitte ich auch wieder einmal alle Freundinnen und Bekannten um Nachsicht, wenn ich zur Zeit noch weniger verfügbar bin als sonst. Ich vergesse keinen von Euch und behalte Euch und Eure Sätze immer wie Schätze in meinem Herzen.

„Alles wird gut“, sagte eine von Euch neulich zum Beispiel. Danke, das tat gut. Leider fragt mein Sohn manchmal etwas altklug nach: „Wieso wird alles gut? Woher weißt Du das?“ Ich hatte keine gute Antwort parat. Wenn eine von Euch also einen Satz herumliegen hat, der passt, bitte gerne schicken …

Eure Birgit

 

 

 

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Gehört werden

Zum Gehört werden, gehören zwei. Einer muss für eine Weile stille sein, dem Gegenüber die Bühne überlassen und mitschwingen, gelegentlich mmmh, ooooh, oder aaaah machen, und nicht nur körperlich, sondern auch mit den Gedanken anwesend sein. Wie schwierig das sein kann, kennen wir alle, etwa wenn die 88jährige  Großtante zum zigsten Mal die Anekdoten aus der alten Heimat erzählt.

Reden ist Silber, Schweigen ist Gold, heißt es. Trotzdem reden wir meist lieber selbst und das Zuhören überlassen wir anderen. Wir posten, twittern, liken, bloggen, outen uns.

Während wir das tun, können wir nicht nur nicht zuhören, sondern unsere Aufmerksamkeitsspanne verringert sich, meinen Autoren wie der Psychiater Manfred Spitzer. Zuhören über einen angemessenen, längeren Zeitraum wird also noch schwieriger.

Der Schweizer Arzt Paul Tournier, der die Arzt-Patienten-Beziehung heilen wollte, sagte: „Wir unterschätzen immer noch das enorme menschliche Bedürfnis, wirklich gehört, ernst genommen und verstanden zu werden.“

„Zeugnis ablegen“ ist ein Konzept aus meiner Doktorarbeit. Als ich dafür Gespräche mit traumatisierten Menschen führte, habe ich zum ersten Mal verstanden habe, wie wichtig ein offenes Ohr ist und ehrliches Interesse. Aus Gesprächen werden dann wirkliche Begegnungen.

Wer Zeugnis ablegen will braucht jemanden, der ihm zuhört. Nur dann kommt das Zeugnis an, wird es weiter getragen, ist die Mission erfüllt.

Autoren, Journalisten, Schreibende jeder Couleur leben vom Publikum. Und auch, wenn wir nicht für die Öffentlichkeit, sondern nur für uns selbst schreiben, brauchen wir ein Gegenüber, ein inneres, wohlwollendes, damit überhaupt ein Text auf Papier kommt. Eine Schreibkurs-Teilnehmerin erzählte mir, dass sie immer einen realen Freund im Kopf hat, wenn sie schreibt. Nur dann kann sie ihren inneren Zensor im Zaume halten.

Texte sind Dialoge, weil sie an jemanden gerichtet sind. Sie können sogar  Polyloge sein, das bedeutet vielstimmig. Hilarion Petzold, Vordenker der Integrativen Therapie, bezeichnet seine Vorträge und Aufsätze gern als Polyloge, weil er sich auf so viele Vordenker bezieht und von ihnen gelernt hat. Er braucht sie für seine Ideen. Seine Texte brauchen viele Autoren, dann haben sie viele Zuhörer.

All diese Überlegungen bringen mich dazu, das Zuhören heute hier zu würdigen.

Ein Ort, an dem wir die wohltuende Wirkung des Gehört werdens regelmäßig erleben, sind Schreibgruppen. Wenn wir unsere Texte lesen, die Resonanz der anderen hören und spüren, wissen wir: Hier ist etwas Wertvolles passiert. Wir sind uns über die Texte begegnet.

Wer Lust hat, mal wieder das Zuhören zu üben, kann das gleich morgen ab 19 Uhr in der Kulturküche in Bremen tun. Meine Kollegin Anke Fischer  veranstaltet dort eine Lesung zum Thema „unterwegs – in der Welt“.

 

 

 

 

 

 

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Ein Hoch auf einen Lebejüngling oder: Das Memoir ist in Deutschland angekommen

„Memoir“, was soll das sein? Selbst bildungsaffine Menschen, die mich und meine Arbeit gut kennen, fragen mich noch manchmal, was sich hinter dem ungewöhnlichen Begriff verbirgt: „Meinst Du damit vielleicht Memoiren – so wie von Marlene Dietrich oder Charles de Gaulle?“
Nein, ich meine nicht die Autobiografien berühmter Leute. Ich meine damit das äußerst erfolgreiche literarische Genre „Memoir“, das dem Roman in den USA bereits den Rang abgelaufen hat. Nicht gestern, sondern schon seit 15 Jahren dauert der Erfolgszug an und hört nicht auf.

„Über den Entwicklungsroman ins Nichts“ schrieb Thomas Hüetlin nun in „Der Spiegel“ (10/2016) eine Kritik, in der endlich einmal das korrekte Genre „Memoir“ vorkommt. Hüetlin kennt sich mit amerikanischer Literatur aus, er kann das Kind beim Namen nennen.

Andere tun sich da schwerer, vor allem deutsche Verlage, die Memoirs partout nicht so nennen. Statt dessen heißen sie hierzulande etwa autobiografischer Roman oder Roman, der auf wahren Begebenheiten beruht. Dabei sind Memoirs keine Fiktionen, sondern moderne Autobiografien, die mit literarischen Mitteln geschrieben werden. Und sie sind weltbekannt, dank so unterschiedlichen Autoren wie Pulitzer-Preisträgerin Harper Lee („Wer die Nachtigall stört“), Elizabeth Gilbert („Eat, Pray, Love“) oder auch Frank McCourt („Die Asche meiner Mutter“).

Neben den Autoren haben die Psychologen das Memoir entdeckt. Für sie ist es nichts weniger als ein Königsweg zu einem befreiteren Leben. Linda Joy Myers ist Familientherapeutin, Gründerin der National Association of Memoir Writer’s und hat ein preisgekröntes Memoir geschrieben. Vor allem aber ermutigt sie ihre Klienten, ihr Leben um und neu zu schreiben.

Das funktioniert, denn in der Konfrontation mit dem jüngeren Ich lässt sich vieles neu bewerten, wenn auch nicht verändern. Die Herausforderung, die eigene Geschichte auch für andere nachvollziehbar und lesenswert zu machen, lenkt den Blick auf all die Widrigkeiten, die man überwunden hat und auf die Tatsache, dass man so viele Probleme bereits gemeistert hat. Ja, und so ist man heute zu der oder dem geworden, der man nun mal ist. Diese Erkenntnis kann erleichtern und stolz machen. Die Zukunft lässt sich mit so einer Haltung auf jeden Fall leichter gestalten.

Wozu also Fiktion, wenn das Leben so spannend ist? Das ist eine der Erklärungen, die für den Aufstieg des Memoirs in den USA verantwortlich ist. Oder die folgende, die von Benjamin von Stuckrad-Barre stammt, Autor, Lebejüngling, gehypter Texter – er schrieb etwa für Harald Schmidt und seine Show: „Ich lese ungern Fiktion, das interessiert mich irgendwie nie. Deshalb habe ich relativ früh angefangen zu beschreiben, was mit mir ist. Mich selbst als Abräumhalde zu benutzen. Relativ 1:1“.

Benjamin Stuckrad-Barre ist zugegeben ein Extremfall, ein Narzisst, ein überlebender Hochbegabter, dem die protestantischen Ökoeltern den Spaß am Leben mit ihren strengen Wertvorstellungen austrieben. Den Spaß hat sich der Junge, der jetzt 41 ist, in der Welt der Drogen, der Schönen, der Berühmten verschafft, in der er nach Nahrung suchte und nicht fand. Drogen und Bulimie sind Stationen von Stuckrad-Barres Abstieg, der kurz vor dem Ende gestoppt wurde. Vielleicht dadurch, dass Stuckrad-Barre sein Memoir in L.A., in einer Dauerschreibsitzung schrieb.

Am Beispiel Barres wird deutlich, was ein Memoir kann. Es scheint dem verzagten Stuckrat-Barre ein Stück Leben geschenkt zu haben: „Mich gab es gar nicht mehr, da war alles Buch“, sagt er etwa und Hüetlin folgert: „In L. A.., dieser Welt der Künstlichkeit und der Fälschungen, findet er im Schreiben, in der Kunst Klarheit und Versöhnung mit sich selbst“ (Hüetlin, S. 120).

Das kann man Stuckrad-Barre nur wünschen. Dies Memoir eines Narzissten mag nicht jedem gefallen, aber die Tatsache, dass es ein Genre salonfähig macht, ist ein Erfolg für alle, die im deutschsprachigen Raum ihre Memoirs schreiben und daran wachsen.

PS: Wer Lust hat, selbst Geschichten aus seinem Leben aufzuschreiben oder gar ein Memoir beginnen möchte, kann seine wohltuende Wirkung auf das eigene Lebensgefühl vom 9. bis 11.9.2016 auf Wangerooge testen. Dort startet im siebten Jahr ein dreitägiger Workshop zum entwicklungsfördernden Schreiben. Schwerpunkt diesmal: Schlüsselszenen des eigenen Lebens und Schritte in die Zukunft.

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Weil ich es mir wert bin …

Gestern beim eisgekühlten Hugo im Straßencafé führte ich mit meiner Freundin M. eines jener Gespräche, die sich im Kopf fortsetzen, wenn wir längst bezahlt und das Etablissement verlassen haben. Es ging um nichts Weniger als die Werte, die unser Leben bestimmen.

„Weil ich es mir wert bin … “ ist ein geflügelter Satz geworden. Doch wissen wir eigentlich, was wir uns wert sind? Und wissen wir, was uns etwas wert ist? M. hat es beim Schreiben herausgefunden – oder, sagen wir, sie hat es sich wieder bewusst gemacht. Entdeckt hat sie ihre zentralen Werte schon als kleines Kind – ohne sie damals in der gleichen Weise wie heute in Worte fassen zu können.

In meinen Kursen spiele ich mit den Teilnehmern manchmal dieses Spiel: Mithilfe von Spielgeld kann man sich bei einer Auktion die Werte ersteigern, die für einen am wichtigsten sind. Dabei wird oft klar, was einem wirklich etwas bedeutet. Und dafür wird schon mal das gesamte Spielgeld ausgegeben. Einer meiner Lieblingswerte ist beispielsweise Seelenruhe – um sie zu erlangen, braucht es eine Reihe anderer Werte wie Liebe, Reife, Geduld, die ich dann nicht extra kaufen muss (Ihr seht: ich bin beim dem Spiel ein echter Profi).

Wenn wir unsere Werte so klar vor Augen haben – und auf einem Zettel in der Hand – können sie uns eine echte Leitlinie sein. Aber auch unterschwellig wirken unsere Überzeugungen. Das ungute Gefühl bei einer Entscheidung kann etwa darauf hinweisen, dass wir eine unserer Überzeugungen verletzt haben.

Darum stelle ich Euch und mir heute diese Frage: Was ist Euch wirklich wichtig? Welche Werte und Überzeugungen sind für Euch und Euer Leben unverzichtbar? Wer dazu ausführlicher arbeiten möchte, kann zum Beispiel die Übungen in Ulrike Scheuermanns Buch „Wenn morgen mein letzter Tag wär'“ ausprobieren (Knaur-Verlag) .

Eine Werte-Liste findet Ihr demnächst auch auf meiner Homepage (www.schreibercoaching.de/termine). Dort könnt Ihr Euch jene Begriffe und Konzepte aussuchen, für die Ihr am meisten Spielgeld bieten würdet. Im zweiten Schritt könnt Ihr Euch dann für drei Werte entscheiden, die Ihr für unentbehrlich haltet.

Nun könnt Ihr in einem Freewriting – je fünf Minuten – erforschen, wie Euch diese Werte in der Vergangenheit geholfen haben. Als nächstes ist mein Vorschlag: Beobachtet dann in der nächsten Woche doch mal, wann und wie Eure zentralen Überzeugungen gefragt sind. Ich bin schon sehr gespannt auf meine eigenen Antworten – und höre gern von Euren, „weil wir es uns wert sind“.

 

Worte

Wie Worte wirken – das interessiert mich ja schon von Berufswegen. Heute habe ich wieder mal gelernt: Auf Rechtschreibung, Grammatik  und Stil kommt es dabei gar nicht an.

IMG_2709Na, Rätsel gelöst?

Die guten Wünsche zum Muttertag stammen von meinem Sohn Max, einem Erstklässler, der in den letzten Monaten begeistert die Welt der Worte erkundet – und dabei enorm schöpferisch zu Werk geht.

So kreativ sind wir später selten, stimmt’s? Und nie wieder sind wir so mutig, was unser Ausdrucksvermögen angeht. Nie wieder trauen wir uns, einfach zu schreiben, was wir sagen wollen – Rechtschreibung, Grammatik, egal!

Wer mit dem Freewriting beginnt, weiß, wie schwer es ist, die Regeln außer acht zu lassen und einfach zu sagen, was in den Kopf kommt und aufs Papier muss.

Doch die Hauptsache ist, unsere Botschaft kommt an. Bei uns, manchmal auch bei anderen.

Bei mir ist die Botschaft meines Sohnes heute auf jeden Fall angekommen.

Ich wünsche Euch einen sonnigen Sonntag und eine tolle Woche.

 

 

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Ein Leben zwischen den Kulturen – Interview mit Béatrice Hecht-El Minshawi

 

Béatrice Hecht-El Minshawi hat an ihrem neuen Buch „Luftsprünge und Lebenswurzeln – Meine interkulturellen Wege“ fünf Jahre geschrieben. Jetzt erscheint es im Verlag Ulrike Helmer. „Es ist mein Schwierigstes gewesen, weil es eben meine Geschichte ist“, schrieb sie mir in einer Mail. Auch im Kurs „Zeit für die eigene Geschichte“ auf Wangerooge entstanden Passagen des Buches. Und in einer Lesung durften die Kursteilnehmerinnen erste Leseproben hören (siehe Foto).

Birgit: Béatrice, Dein Buch zeigt es: Dein Leben ist eine lange, spannende Wanderung zwischen den Kulturen. Du hast als Krankenschwester in Vietnam und in Afghanistan gearbeitet.
Später warst Du in Kambodscha und Thailand, Indien, Arabien und Ägypten – und mit internationalen Projekten auch in den USA und Kanada, in Australien und Neuseeland. Gibt es einen Ort, den Du noch nicht besucht hast und an den es Dich treibt?

Béatrice:
Es treibt mich nach Afrika. Ich war vor fast vierzig Jahren im Maghreb unterwegs und bin durch die Sahara bis in den Niger gereist, und viel später auch in Südafrika. Familiär habe ich mit Namibia zu tun. Während meines Studium habe ich lange dazu gearbeitet und jetzt wird es Zeit, dieses Land zu besuchen. Im Oktober werde ich fliegen.

Birgit: Es gibt sicher viele prägende Erlebnisse in Deinem Leben. Schilderst Du in Deinem Buch eines, das Dir besonders viel bedeutet und das Du nicht missen möchtest?

Béatrice: Dass ich, als ich in den 60er Jahren in Vietnam gearbeitet habe, mit Dioxingiften, die als Entlaubungsmittel gesprüht wurden, kontaminiert wurde, war das prägendste Erlebnis für mein Leben. Missen möchte ich die Vietnam-Erfahrungen nicht: Sie haben mich politisiert und für mein Frauenleben wach gemacht!

Birgit: Du hast eine ganze Reihe von Fachbüchern geschrieben, was war die Herausforderung bei diesem sehr persönlichen Buch? Und hast Du davon profitieren können?

Béatrice: Nun die Auseinandersetzung mit meiner Familie, mit den Stärken, die ich entwickelt habe in dem frühen Leben voller Nöte und Kummer. Die Ethik meiner Mutter hat uns gerettet.

Birgit: Kaum hast Du Dein Memoir abgeschlossen, schon planst Du Dein nächstes Buchprojekt. Um was geht es?

Béatrice: Ich habe meistens etwas zu forschen, zu schreiben oder an Manuskripten zu arbeiten. Schreiben bedeutet für mich, lebendig zu sein.
Jetzt suche ich gerade einen neuen Verlag für mein zwölf Jahre altes Buch „Muslime in Beruf und Alltag verstehen“ (Beltz-Verlag). Es ist hochaktuell, denn es leben zig verschiedene Muslime hier und viele von uns können diverse Verhaltensweisen nicht verstehen. Mit dem Buch möchte ich Menschen erreichen, die mehr über das traditionelle oder moderne Leben der Muslime in den islamischen Ländern wissen möchten.

Birgit: Daneben hast Du auch noch eine Idee für ein weiteres biografisches Buch …

Béatrice: Ja, mich interessiert das Thema „Wenn das Leben auf dem Kopf steht“. Das könnte im Kern ein autobiografisches Buch werden, angereichert mit Berichten von Flüchtlingen, deren Leben ebenfalls auf dem Kopf steht. Das Thema kann sich aber noch ganz anders entwickeln und würde dann vielleicht auch anders heißen. Wer weiß…

Birgit: An einer Stelle des Manuskripts vergleichst Du das Schreiben mit dem Reisen …

Béatrice: Beide haben ähnliche Wurzeln. Auch im Schreiben liegt die Sehnsucht etwas Neues zu entdecken: neue Lebensfragen und Antworten zu finden, andere Motive, Perspektiven zu erkennen und vielleicht einen neuen Lebensstil.

Birgit: Das entspricht ziemlich genau meiner Vorstellung vom heilsamen Schreiben.

Béatrice: Im Manuskript habe ich das so formuliert: Schreibend kann wohltuend und therapeutisch sein … . Ich bin dabei auf mich selbst fokussiert und beschreibe das, was ich beobachte, was ich in mir trage und was es mit mir gemacht hat. Ich verbinde alle Aspekte meines Ichs. Ich erinnere mich, dass früher das Malen oder Zeichnen, später auch das Singen und Schreiben, und das Reisen jedenfalls, tröstlich waren und als Kind zu meiner fantasievollen Rettung aus dem Leben in Armut beitrugen: Produktives Verschwinden aus dem Alltag. Kleine Fluchten.

Birgit: Mir fällt da das schöne Konzept der „poetischen Kompetenz“ ein. Damit meine ich die Fähigkeit, eine kreative Dimension zum Leben hinzuzufügen. Das bedeutet einen neuen Blick auf die Welt, mehr Freude, erweiterte Ausdrucksformen. Damit lassen sich auch Herausforderungen meistern. Das ist dann Lebenskunst.

Béatrice: Damit kann ich etwas anfangen: Schreiben und Reisen, Malen und Singen sind Ausdrucksmöglichkeiten, kreative und poetische Akte, die alle Sinne berühren. Das war und ist tröstlich, denn es geschieht im Dialog mit dem Leben.

Birgit: Ich bin sehr gespannt darauf, mehr dazu in Deinen neuen Büchern zu lesen. Keep us posted! Und viel Glück und Erfolg!

Wer Béatrice Hecht-El Minshawi lesen hören möchte, hat demnächst zweimal die Gelegenheit dazu: In der Lese-Musik-Präsentation am 21. Mai liest sie ab 15 Uhr im Rahmen der Offenen Ateliers im Kunst[ ]Raum, Rückertstraße 21. Auftreten wird dort auch ein japanischer Musiker, der den Soundtrack zum Film Kirschblüten Hanami geschrieben hat.

Oder Ihr kommt zur Bremer BuchPremiere am 28. August um 11:30 Uhr in die Matinée in der Villa Sponte, Osterdeich 59b. Béatrice: „Dort werden fünf Musiker mit einer Sängerin auftreten und wir werden Euch zum Motto ‚… Das Leben, so viel …‘ unterhalten.