Danke, Frida

„Wenn du es eilig hast, mache einen Umweg“ (Buddha) –

las ich gestern auf dem Kalender einer Bekannten. Unsinn, dachte ich, Umwege entstehen von selbst, die muss ich nicht extra machen. Ich komme fast nie direkt da hin, wo ich hin will – entweder sucht mein Sohn seine Schienbeinschützer, fragt meine Tochter nach dem französischen Wort für Mülleimer („Poubelle“) oder Frida, unser 14 Wochen alter Welpe schickt sich an, einen See auf meinen Parkettboden zu machen, während ich eigentlich einen Gedanken zuende bringen und in mein Laptop tippen will.

Und doch: Der Spruch lässt mich nicht los. Was hat Buddha damit gemeint? Heute morgen im Garten wurde es mir auf einmal klar. Nur wenn ich etwas anderes tue, als ich pflichtgemäß tun müsste, komme ich zu mir und dem, was mir wirklich wichtig ist. Weil dann eine neue Perspektive entsteht, ein Blick von außen auf die Routinen möglich wird und die Chance besteht, eine Kurskorrektur vor zu nehmen.

Und dabei hilft mir zur Zeit niemand mehr als der kleine Wirbelwind Frida: Ein espressobrauner, schäfchenweich gelockter Labraodoodle (Multigen, F1b Generation für die Insider), dem wir alle bereits restlos verfallen sind.

Mit Frida ist nichts mehr wie vorher: Ich gehe später ins Bett, damit Frida noch mal vor Mitternacht Gassi machen kann, und stehe früher auf, damit auch morgens kein Malör passiert. Dafür muss ich mich mittags ein paar Minuten hinlegen, wenn Frida nicht gerade ihre wilden zwanzig Minuten hat und durch die Wohnung springt wie ein Kaninchen auf Speed. Die Gespräche am Abendbrottisch drehen sich um die Tagesorga, denn Frida kann noch nicht lange allein bleiben, um die Futtermenge, die wöchentlich angepasst wird, um die Erlebnisse, die jedes Familienmitglied am Tag mit dem Hund gehabt hat.

Zu meinen schönsten Erlebnissen gehören die Umwege, zu denen Frida mich zwingt. Etwa die Gassirunden in meinen besten Denkphasen.  Danach sitze ich ganz still auf der Gartenbank und lausche. Frida lauscht mit, denn sie kommt vom Land und scannt jedes Stadtgeräusch auf sein Gefahrenpotenzial. Und wundere mich, während ich meinen Hund streichle, was ich bislang überhört habe: Das Rattern der Baumaschinen, das Sausen der Straßenbahn, das tiefe Brummen der Laster, die an einer nahe gelegenen Kreuzung Gas geben.

Und ich beobachte meinen Garten – so viele Runden habe ich lange nicht mehr darin gedreht – da sind die weißen Inseln der Schneeglöckchen, die langsam verblühen, die protzig bunten Krokusse, die wegen Frida kaum eine Chance auf Überleben haben, und auch die Vögel, die dicken Amseln und Dohlen, deren „Krakra“ Frida unter meine Bank treibt.

Eine Übung in Achtsamkeit ist das Leben mit Frida – wenn ich es zulasse – dabei tanke ich auf, frische Luft, frische Eindrücke. Am schönsten ist abends der Sternenhimmel, den ich lange nicht mehr betrachtet habe, aber nun, dank Frida, wieder wahrnehme.

Nein, ich bin zur Zeit nicht die Schnellste, wenn es um die Erledigung von Pflichten geht, ich bin auch oft müde, aber bereichert und beglückt.

Danke, Frida.

 

Schreibtipp oder warum ich dieses Mal beim Camp Nanowrimo dabei bin

Heute direkt aus der Schreibzeit in der Stadtbibliothek: Eben haben wir die Anfangsrunde beendet – mit dem Fazit, dass wir alle kleine Tricks und eine gute Selbstkenntnis brauchen, um unser Schreibprojekt voranzubringen und vor allem auch zu Ende zu bringen. Da kommt der Beitrag von „offenschreiben“ wie gerufen, die uns an eine weitere Möglichkeit erinnert, wie wir uns gegenseitig unterstützen können. Lest selbst … Viel gute Schreiblaune wünscht Euch Birgit

Offen Schreiben

Ich bin zum ersten Mal dabei. Auf in das Camp Nanowrimo. Am ersten April geht es los. 50.000 Worte in einem Monat.

Aber warum bin ich dieses Mal dabei, obwohl ich mich vorher gegen Nanowrimo ausgesprochen habe?

Ich bin noch immer kein Freund von Wortzahlgrenzen. Also ich mag es nicht zu sagen unter 500 Worten am Tag geht es nicht. Nur mal als Beispiel.

Allerdings habe ich bisher auch die Augen vor den Vorteilen verschlossen. Und ich bin im Moment an einem Punkt, an dem ich diese Vorteile brauchen kann.

Punkt 1:

Man ist nicht allein. Das Camp Nanowrimo hat den Vorteil, dass man in eine Hütte, eine „Cabin“, ziehen kann.

Ich hoffe nur es ist nicht die „Cabin in the woods“. Dann halte ich mich vom Keller fern und fasse nichts an.

Spaß beiseite. In eine Hütte passen bis zu 12 Schreiberlinge und bilden eine Schreibgruppe. Wenn man…

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„Ploppen“ – oder so ähnlich

„Was tust Du?“, ratlos sah mich mein ansonsten gut informierter Ehemann an: „Du willst ploppen gehen?“ Ich korrigierte: „Ich gehe zum P L O T T E N. Das bedeutet, eine Struktur, einen Aufbau, „das Skelett einer Story“ zu entwerfen.“ Und darum würde es in Anke Fischers Workshop gehen, zu dem ich mich neugierig angemeldet hatte.

Als poesietherapeutisch ausgebildete Schreiberin brachte ich einige Skepsis mit: Beim Schreiben, wie ich es vermittle, geht es als erstes darum, Modelle, Vorgaben, Regeln und Tadel („Thema verfehlt“) hinter uns zu lassen, die verhindern, dass wir überhaupt mit dem Schreiben anfangen. Am stärksten behindern uns oft eigene innere Stimmen, Perfektionismus, aber auch Stimmen früherer Lehrer oder Kursleiter. Diese Quälgeister verstummen meist, wenn wir im Freewriting innerhalb eines Zeitrahmens von fünf, zehn, 25 oder auch 40 Minuten schreiben, ohne auf Rechtschreibung und Grammatik zu achten.

Mit dieser Technik kommen wir in Schreibfluss und schwimmen unserem inneren Zensor davon.

Der Schreibfluss trocknet dagegen rasend schnell aus, wenn wir schon zu Beginn auf das Endergebnis schielen. Das zeigt die Erfahrung vieler Menschen, die autobiografisch schreiben. Der Grund: Wir müssen unsere Geschichten, unsere Wahrheiten und Perspektiven erst entwickeln – und zwar indem wir schreiben, ohne zu wissen, wo es genau hinführt. Und auch so manche Szene unserer Vergangenheit taucht erst beim freien Schreiben auf und lässt sich dann in die Lebensgeschichte integrieren.

Doch für fast alle, die länger autobiografisch Schreiben, kommt der Punkt, an dem sie ihre Erinnerungen und fiktiven Geschichten zuverlässig aus der Versenkung gehoben haben und ihnen eine Form geben wollen. Das kann eine Kurzgeschichte, ein Roman oder auch ein Memoir sein, die neue Form der Autobiografie, die in den USA selbst zu eine Erfolgsgeschichte geworden ist.

Und dafür liefern dann Plotting-Experten die Konzepte.

Also, Freitag, 18 Uhr, sitze ich im Plotting-Kurs. Anke erklärt: „Als erstes klären wir das Genre.“ Das heißt, Schreiben wir einen Krimi, einen Entwicklungsroman, eine Liebesgeschichte, einen Fantasyroman ein Märchen, einen historischen Roman …?

Am ältesten, so lernen wir weiter, ist die Drei-Akt-Struktur, schon im antiken Drama kannte man diese Einteilung, die später dann aufgefächert wurde in Fünf- und Sieben-Akt-Strukturen. Wichtige Stationen sind: Exposition von Motiven und Figuren – Hauptteil mit Tiefpunkt und Höhepunkt – Auflösung und Climax, der Punkt, an dem die HeldInnen sich mehr oder weniger erfolgreich entwickelt haben.

Daneben gibt es Vierakter, darunter das Modell von Lester Dents aus den 30er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, bei dem die Cliffhanger am Ende jedes Teils für thrillermäßige Spannung sorgen sollen. Oder aber die aufwändige, spannende Snowflake-Methode, bei der man gefühlte zwei bis drei Monate plottet, bevor man endlich die Rohfassung schreibt. Dann aber – so versprechen Anhänger der Methode – ist man mit dem Roman so gut wie fertig. Und schließlich gibt es die berühmte Heldenreise von Campbell, die mindestens ein Dutzend Etappen hat und bei der Heldin oder Held positiv verändert an ihrem Ziel ankommt.

Ein scheinbar kleiner, handwerklicher Schritt, den Anke uns vorstellte, kam mir als  Memoir-Schreiberin besonders bekannt vor – der erste  von vielen parallelen Arbeitsschritten. An dieser zentralen Stelle der Buchplanung formulieren wir Thema und These unserer Geschichte – beim Memoir wie beim Roman.

Hier wie dort formulieren wir zunächst unser Thema oder das Motiv: Geht es um Liebe, um ein Verbrechen, um Verlust, Entfremdung, Vertrauen oder Rache? Im Memoir geht es neben diesen Motiven immer auch um Identitätsentwicklung – denn die zentrale Frage ist: Wer waren wir, was wollten wir, welche inneren und äußeren Hindernissen mussten wir überwinden, und wer sind wir heute?

Die Ähnlichkeiten beim Memoir- und Romanschreiben beruhen auf der Nähe der Genres: Ist doch das Memoir eine neue Form der Autobiografie, die mit Mitteln des Romans geschrieben wird. Und dabei können autobiografisch Schreibende natürlich von den klassischen Modellen profitieren. Nicht nur, weil sie sich in der Literatur seit Jahrhunderten finden lassen, sondern vor allem, weil wir die Erzählstrukturen schon als Kleinkind erlernen.

Wir haben, so sagen narrative Psychologen, eine narrative Identität: Mit vier Jahren haben wir es schon drauf, eigene Stories zu erzählen. Wir lernen die Zutaten dafür etwa in den Märchen der Gebrüder Grimm kennen und rekapitulieren sie als Erwachsene wöchentlich beim Tatort im Ersten (spezielle Fünf-Akt-Struktur) oder bei Rosamunde Pilcher im Konkurrenzprogramm (ganz klar eine Drei-Akt-Struktur, sagt Anke).

Beim Romanschreiben geht es als nächstes darum, eine Prämisse zu formulieren, „eine Feststellung dessen, was mit den Figuren als Ergebnis des zentralen Konflikts der Geschichte passiert“ (James N. Frey). Bei Romeo und Julia laute die Prämisse also etwa: „Liebe zwischen verfeindeten Familien führt zum Untergang“, erklärte Anke.

Analog dazu gibt es beim Memoir-Schreiben einen Schritt, bei dem wir die Leitformel für die eigene Geschichte zu finden: „Dies ist die Geschichte von Y (großes Thema), und sie wird illustriert durch X (eigene, spezifische Erfahrung mit dem Thema).“
 So eine Formel wirkt laut Marion Roach Smith (Das Memoir Project) beim Schreiben wie ein Kompass. Hätten Romeo und Julia nach ihrem Tod ein Memoir geschrieben, könnte ich mir etwa folgende Formel vorstellen: „Dies ist die tragische Geschichte einer unmöglichen Liebe, die tödlich endet, und sie wird illustriert durch Romeo und Julia, die an den Abgründen scheitern, die sich zwischen ihren verfeindeten Familien auftun.“

Mit der Formel von Roach Smith haben wir als Memoirschreiberinnen dann ein Werkzeug, mit dem wir aus unseren Erinnerungen diejenigen auswählen können, über die wir schreiben sollten. Statt in Details und Unwichtigem zu versinken, finden wir also das große, vielleicht universelle Thema unserer persönlichen Geschichte und illustrieren es dann mit aussagekräftigen Szenen, Episoden, Phasen unseres Lebens.

Tristine Rainer empfiehlt Memoir-Autorinnen und Autoren, vor dem Formel-Finden noch die Stepping-Stone-Methode anzuwenden: Dazu gehört, Schlüsselereignisse des Lebens aufzulisten, zentrale Motive zu finden und Hindernisse zu identifizieren, auf die wir bei der Realisisierung unserer Ziele gestoßen sind.

In meinen eigenen Kursen empfehle ich, schon früh eine Art Klappentext für das eigene Memoir zu schreiben. Darin müssen wir die Geschichte vorläufig umreißen und unsere Haltung zum Thema offenbaren. Der Vorteil gegenüber dem Formelsatz von Roach Smith: Wir haben mehr Platz für unsere Idee und schon ein Geschichtenskelett.

Mit dieser Struktur findet unser Schreibfluss eine gutes Flussbett, in dem wir unsere Geschichte sicher erzählen können. 

Mein Fazit nach dem Plotten mit Anke: Es hat sich gelohnt, auch weil ich mir einen Wunsch erfüllen konnte und mir ein Krimi-Gerüst gebastelt habe. Einen „shitty first draft“ (Hemmingway) – aber mit viel Spaß entworfen:

„Ich erzähle in diesem Buch von einer Frau, einer schüchternen Lokalreporterin, die ihren außerordentlichen Mut entdeckt, als sie wider Willen zur Ermittlerin gegen die internationale Maffia wird. Sie verstrickt sich immer tiefer in die Recherche über genmanipulierte Biohühner, fest entschlossen, die Verantwortlichen zu stellen. Dabei wird sie beinahe selbst zum Schlachtopfer: Schläger verletzten sie so schwer, dass sie ins Koma fällt. Als sie nach vier Monaten aufwacht, hat sie ihr Gedächtnis verloren. Wenig später verliebt sie sich in einen smarten Anwalt und ahnt nicht, dass es sich um den Sohn des Mafia-Bosses handelt, der sie ins Koma prügeln ließ. Als sie die Wahrheit erkennt, muss sie sich zwischen privatem Liebesglück und der Gerechtigkeit entscheiden. Dank ihrer neu gewonnenen Stärke und Integrität kommt sie auf eine ungewöhnliche Lösung …“

Wer nun also Lust bekommen hat, für seinen Roman ein Schreib-Fluss-Bett zu bereiten, dem seien Bücher von James N. Frey oder ein Plottingkurs empfohlen. Wer Lust hat, seine eigene Geschichte in ein Memoir zu gießen, es zu planen oder ihm eine Form zu geben, der kann das im Writers’ Studio in Wien tun, in Memoir-Treffs in Bremen oder im September auf der Insel Wangerooge.

Der nächste Memoir-Treff ist übrigens am Samstag, 18.2., 10 Uhr bis 13 Uhr, in der Stadtbibliothek, Treffpunkt: Café-Ebene unten. Ich freue mich auf Euch.

 

 

 

 

 

Moment mal

Das Wochenende steht bevor. Lust auf einen Tipp fürs gemütliche Schreiben auf Eurem Lieblingsplatz?

Vielleicht gefällt Euch eine Methode aus der amerikanischen Journal-Bewegung, die so  feine, passende Bezeichnungen für altbewährte Schreibanregungen geprägt hat: Wenn Ihr beispielsweise eine Szene, eine Begebenheit, eine liebgewonnene Erinnerungen detailliert beschreibt, heißt das: Momentaufnahme. Diese Momentaufnahme schreibt man idealerweise mit allen Sinne. Im Mittelpunkt steht eine Situation, die Euch bewegt, erstaunt, irritiert, erfreut, traurig oder neugierig macht. Es kann eine Szene der Gegenwart oder eine aus der Erinnerung sein.

So eine Momentaufnahme hat viele Vorteile, finde ich.

1. Sie hilft mir, schnell zu verarbeiten, was ich erlebe. Bevor es in mir weiter wirkt und mich womöglich belastet.

2. Sie hilft mir, Erinnerungen an besondere, achtsame Momente zu sammeln. Die Details kleiner feiner Situationen werden darin aufgehoben.

3. Sie macht Spaß, ich darf mit Worten spielen, bin kreativ, statt nur reaktiv.

4. Sie bietet eine Pause vom Alltag und vertieft den Moment.

5. Sie schürt Neugier und macht mir bewusst, dass auch mein Alltag spannend und besonders sein kann – wenn ich meine Augen dafür öffne: Was mag der Tag mir heute wohl bringen?

6. Sie fördert meine Offenheit: Ich begegne dem Leben und den Menschen unvoreingenommener, wenn ich den Schwerpunkt aufs Beobachten lege statt vorschnell zu verurteilen, was und wen ich erlebe.
Was genau nehme ich war? Wie kann ich das interpretieren? Wie noch? Diese Fragen führen weiter und bestätigen nicht immerzu meine alte, vielleicht überholte Weltsicht.

Nun ein Beispiel von gestern. Beim Abstecher zum Ikea-Restaurant in Bremen lernte ich eine weitere Facette meiner Mitbürger kennen – und hatte Gelegenheit, über meinen Schatten zuspringen.

Morgens, halb zehn in Deutschland

Sie stehen schon seit zwanzig, dreißig Minuten vor der Tür, in Hut oder Mütze und Mantel. Ikea macht erst um halb zehn auf, aber sicherheitshalber haben viele einen Bus früher genommen. Manche sind mit ihren gepflegten Kleinwagen gekommen, wenige in Limousinen. Es ist offensichtlich: Dies ist ein Low-Budget-Vergnügen für die ältere Generation. Hier ist kaum einer unter siebzig und jeder will der oder die erste am Billig-Frühstücksbuffet sein. Mitten unter ihnen stehe ich wie ein Paradiesvogel unter Pinguinen. Ein frierender, bunter Neuling zwischen dezent gekleideten Profis. Wenn denn mal endlich die Drehtüren in Schwung kommen würden.

Oben im Restaurant formiert sich die Schlange – sie reicht bald quer durch die Tisch- und Stuhlreihen und endet in der Kinderabteilung. Auf den Wägelchen und den Tabletts der Schlangensteher sammelt sich nach und nach die Beute: eingeschweißter Käseteller, eingeschweißter Lachs-Teller, außerdem Rührei, Pfannkuchen, Würstchen, Marmelade. Die Alten sind geübt. Routiniert werden Klappen geöffnet, Teller entnommen, die richtige Sorte Brötchen mit der Metallzange aus den Körbchen gegriffen. Eine Frau mit weißgrauen Haaren nimmt mich unter ihre Fittiche: „Das da kostet 2.95, das hier 1,95. Kaffee ist gratis.“

Der Altersdurchschnitt der Menschenschlange wird durch eine Gruppe U-30-Männer in orangefarbenen Jacken und mit bedruckten T-Shirts gesenkt: „Rettungsdienst“, steht da auf ihrem Rücken. Sie lachen, aber nicht laut – lange Nachtschicht gehabt? Jetzt kommen auch ein, zwei Mütter mit Kleinkindern und suchen günstige Plätze. Ein Vater klettert auf einen Barhocker und richtet seinen müden, aber liebevollen Blick auf den Sprössling in der Spielecke, während Mama ansteht. Die ersten Best-Ager werden an der Kasse abgefertigt. Sie setzen sich an einen Achtertisch, den sie zuvor mit Jacken reserviert hatten. Ihnen gehört bestimmt eine der Limousinen auf dem Parkplatz, der da unten in voller Pracht vor ihnen liegt. Ganz offensichtlich erfolgsgewohnt, sind ihnen auch hier vordere Plätze beim Frühstück sicher.

Rüde drängelt sich eine ältere Frau vor mir in die Schlange. Eine zweite, jüngere Frau stellt sich dazu. Ich sage: „Vordrängeln ist nicht die feine englische Art.“ Die Frau tut entrüstet  und stellt sich wieder hinter mich. Die ältere Frau vor mir wendet den Kopf, sie kann mir nicht in die Augen schauen. Die jüngere Frau hinter mir sieht es und erklärt: „Das ist meine Mutter, ich lade sie einmal die Woche zum Frühstück hier ein.“ Ich denke bei mir, „Warum rege ich mich eigentlich auf?“ und sage: „Sorry, Ihre Mutter hat das Fass heute morgen zum Überlaufen gebracht. Stellen Sie sich ruhig zu ihr.“ Die jüngere nickt: „Anstrengender Morgen? Kenn ich, Kinder, Schule und so weiter?“ Ich nicke und freue mich: Ein unerwarteter weiblicher Schulterschluss in der Rushhour des Lebens.

Mit dem Bezahlen geht es nur langsam voran – es ist lediglich eine Kasse besetzt. Die erfahrenen Buffetbesucher murren. Eine Frau schert aus auf die Überholspur und stellt sich an der zweiten Kasse an. Nach fünf Minuten ist klar: Die bleibt zu – sie ist defekt. Die anderen Kunden lassen die Frau nachsichtig nickend zurück in die Schlange. Sie haben es nicht mehr eilig, wissen, jeder wird hier früher oder später bedient. Und schließlich: Das Warten verlängert den kostbaren Frühstücks-Event immerhin um Minuten, wöchentlich, vielleicht täglich, morgens, halb zehn in Deutschland.

 

 

 

 

 

 

 

 

„Öff, öff“ – oder was Schweine und Schreiben miteinander zu tun haben

Wer von Euch kennt Wutz, das sprechende Hausschwein, Pflegemutter des Urmel, wohnhaft auf der Insel Titiwu? Autor Max Kruse hat die „Schweinedame“ erfunden und ihr  Wortgewalt gegeben. Nur das „Öff, öff“, eine Art Grunzen am Satzbeginn, erinnert an Wutz‘ tierisches Erbe – ansonsten ist sie menschlicher als mancher Mensch.

Schweine sind klug. Das beweist nicht nur die fiktive Wutz, sondern auch die ganz realen Ferkelchen im Bürgerpark, die mich bei meinen Besuchen wissend anblinzeln und  lustig im Schweinsgalopp über den eisigen Matsch hoppeln. Die Tiere strahlen Lebensfreude aus und wecken meine Wehmut: Wenn sie sich im Dreck suhlen, denke ich an glückliche Tage meiner Kindheit auf dem Lande.

Ausgewachsene Schweine wecken dagegen eher traurige Erinnerungen. Meine Mutter nannte meinen längst verstorbenen Vater mit Kosenamen „Schweinchen“, wegen seiner strahlend-blauen, blitzenden Schweinsäuglein. Auch an ihn muss ich denken, wenn ich die schwarz-weißen Gesellen im Bürgerpark beobachte.

Das tut meiner Schweineliebe keinen Abbruch. Ein geflügeltes silbernes Schweinchen an einer Kette soll mir Glück in schwierigen Situationen bringen. Ich bewahre es in einer Porzellanschale auf, die ich, sorgfältig verpackt, eigens aus dem fernen L.A. im Handgepäck nach Hause transportiert habe: Die Schale ist – natürlich – mit einem geflügelten Schwein verziert.

Das erste vorgeburtliche Geschenk an meine Tochter ist ein riesen rosa Schweinekissen. Mittlerweile gibt es mindestens fünf weitere kuschelige Stoffschweine unterschiedlicher Größe und Form in unserem Haus, von denen immer eines in meiner Nähe weilt, um für Glück zu sorgen. Und nun der ultimative Beleg für meine ganz spezielle Tierliebe: Zu Weihnachten steht nicht etwa ein nach Tannen duftender, bunt geschmückter Adventskranz auf dem Tisch, sondern ein großes Holzschwein mit vier Kerzen. Überzeugt?

Es versteht sich von selbst, dass ich aus Nächstenliebe kein Schweinefleisch esse. Was nicht heißt, dass ich Marzipanschweinen widerstehen kann. Das Gegenteil ist wahr. Auch für mich sind bestimmte Schweine zu Weihnachten und Silvester reine Nutztiere.

Und demnächst könnte das sogar ganzjährig gelten; denn wir haben dem Begriff Nutztier am vergangenen Samstag im Schreibtreff eine neue Dimension hinzugefügt, die gänzlich ungefährlich für Leib und Leben der Schweinchen ist.

„Hmmh, das ist ja nicht so gut gelungen, ich weiß gar nicht, ob ich das vorlesen soll, ich kann das nicht so gut wie ihr, mir fällt immer gar nichts ein …“. Sätze wie diese haben wir wohl alle schon mal gesagt, obwohl wir dank Hemmingway und aus Erfahrung wissen, dass „shitty first drafts“ unbedingt nötig sind und Selbstzweifel und Unsicherheit uns beim Schreiben blockieren. In Schreibrunden können Selbstbezichtigungen manchmal sogar nerven, etwa wenn alle sich vor dem Vorlesen erstmal vielmals für Ihren Text entschuldigen.

„Für jede Selbstabwertung werfen wir ab jetzt 50 Cent in eine Spardose!“, schlug eine Teilnehmerin  vor. „Und den Erlös spenden wir! Dann sind unsere Selbstzweifel wenigstens zu etwas gut“, überlegte ich gerade,  als die Teilnehmerin den Namen des  neuen Gruppenmitglieds verkündete: „Wir nennen es: Das „Zensor-Schwein“.

Über die Aufzucht und Pflege des „Zensor-Schweins“ wird in Zukunft noch zu reden sein. So ist es nicht sicher, ob es sich beim „Zensor-Schwein“ um eine reale Sparbüchse oder doch eher um ein geflügeltes Schwein, äh Wort, handeln wird. Allein die Wortschöpfung „Zensor-Schwein“ verspricht großen Nutzen. Sie wird uns daran erinnern, routinemäßig die Perlen in unseren saumäßigen Rohtexten zu sehen: „Öff, öff“!“

 

Erinnerungen in Geschichten bannen

Wenn Johanna Vedral aus Wien zu Besuch nach Bremen kommt, dreht sich unser Ideen-Karusell: Ideen für Schreibseminare und -urlaube werden geschmiedet, es wird geschrieben, geredet, kaffeesiert (für die Nicht-Bremer: das ist gediegenes Kaffeetrinken und Kuchenessen) und Büchertipps werden getauscht. Besonders angetan hat es Johanna ein Buch von Margaret Atwood, das ich gerade neu gekauft und begonnen hatte. Jetzt – nach Johannas Blog – kann ich es kaum erwarten, den Rest zu lesen. Hier erfahrt Ihr, warum …

Schreibstudio

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Ich liebe Geschichten über SchriftstellerInnen. Margaret Atwood, Jahrgang 1939, weiß einige Geschichten über alt gewordene schrullige SchriftstellerInnen zu erzählen. Die erste Erzählung  in „Die steinerne Matratze“ ist so eine Geschichte und hat mich von der ersten Zeile an in ihren Bann gezogen:

„Der Eisregen rieselt herab, händweise leuchtender Reis, den irgendein unsichtbar Feiernder wirft.“ Wow!

Es geht um eine betagte Schriftstellerin, die zwischen ihren Einkaufsexpeditionen durch die vereisten Straßen  mit ihrem bereits verstorbenen Ehemann spricht und in ihren Erinnerungen spazierengeht oder in die von ihr geschaffene Fantasy-Welt Alphinland verschwindet. In Alphinland hat sie auch einen Liebhaber aus jungen Jahren und die Frau, die ihn ihr ausgespannt hat, in Geschichten gebannt. In ihrer erfolgreichen Fantasy-Serie formt sie ihre Erinnerungen zu Geschichten um:

„Das Gute an Alphinland ist, dass sie alles Verstörende aus ihrer Vergangenheit durch das steinerne Tor (auf ihrem Bildschirmschoner) bewegen und im Gedächtnispalast speichern kann (…) und wenn man…

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Sexual Memoir: über die eigene Sexualität schreiben

Johanna Vedral schreibt in Ihrem neuen Blogbeitrag die spannendsten Seiten des neuen Genres Memoir: Es erlaubt uns, alle, wirklich alle Bereiche unseres Lebens, unserer Erfahrungen, unserer Werte zu betrachten, damit zu spielen, sie neu zu bewerten und – durch die neue Perspektive – wieder einen gewaltigen Schritt zu tun. Wenn andere dann auch noch beim Lesen gepackt werden, dazu lernen, sich amüsieren und auf neue Ideen für sich selbst kommen … Was gibt es Besseres? Lest selbst …

Schreibstudio

collage-process-dec-2014_0013Memoir ist die Kunst, gut lesbar und inspirierend über das eigene Leben zu schreiben.Ein Memoir ist aber keine Autobiographie. Im Memoir werden ausgewählte Erfahrungen und Erkenntnisse  literarisch spannend aufbereitet.
So vielfältig wie das Leben selbst sind auch die Memoir-Subgenres: Reise, Trauerbewältigung, Coming of age/ Growing up dysfunctional, die Geschichte der eigenen Eltern/ Großeltern, Sucht & recovery, survival und auch sexual/erotic u.v.m…Mehr über das Genre Memoir findest du auch in Birgit Schreibers im März 2017 erscheinenden Buch „Schreiben zur Selbsthilfe„.

Sexual Memoir oder Porno?

In letzter Zeit habe ich mich mit Vergnügen in das Subgenre „Sexual Memoir“ eingelesen, das vor allem von Frauen bespielt wird. In Sexual Memoirs werden sexuelle Erfahrungen beschrieben, da geht es um um Körperlichkeit, Beziehungen, Scham, Sprachlosigkeit und Grenzüberschreitungen.Sexual Memoirs sind keine pornographischen Schriften und auch keine Aneinanderreihung sexueller Handlungen. Die Szenen können natürlich oft sehr explizit („graphic“) werden, es geht aber nicht…

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