Zu Gast bei Andrea Klein

Wie das autobiografische und kreative Schreiben in der Wissenschaft und im Studium nützen kann, dazu schreibe ich heute im Blog von Dr. Andrea Klein „Wissenschaftlich Arbeiten lehren“.

Als Andrea Klein mich um den Beitrag bat, wusste ich zunächst gar keine Antwort. Zu offensichtlich erschien mir, dass Studieren und wissenschaftlich Arbeiten ohne den Spielraum des privaten Schreibens schwer gelingen kann. Die Tür zu den vielen Spielräumen des Schreibens – den Flucht-, Möglichkeits-, Kraft-, Traum- und Welträumen – öffne ich in meinem Schreibratgeber „Schreiben zur Selbsthilfe“.

Schließlich kam ich doch auf differenziertere Antworten für Andrea Klein, und die könnt Ihr heute hier lesen.

Zu meiner Gastgeberin: Dr. Klein lehrt wissenschaftliches Arbeiten an der Internationalen Berufsakademie F+U Unternehmensgruppe, an Fachhochschulen und Universitäten. Sie hat ein didaktisches Konzept entwickelt, in dem die individuelle Motivation der Studierenden als zentrale Entwicklungsquelle genutzt wird. In ihrem aktuellen Buch „Wissenschaftliche Arbeiten schreiben“ gibt Klein Anleitungen und über 100 Software-Tipps.

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Nur keine Eile

Erinnert Ihr Euch an das Faultier „Flash“ aus dem Trickfilm „Zoomania“? Und an die kleine Polizei-Häsin Judy Hopps, die laut einer Rezension „das Gute will und Chaos stiftet“. Gut. (Wenn nicht –>Link klicken und Trailer schauen). Gerade eben bin ich diese Judy Hopps, die just am Faultier „Flash“ – getarnt als Angestellte eines Bäckereifachgeschäftes – verzweifelt ist.

Und nicht nur ich, die Leidensgenossen, in der von einem auf zwei, auf drei und dann auf zehn Menschen anwachsenden Schlange, scharrten je nach Charakter ungeduldig mit den Füßen, klirrten bemüht unauffällig mit Fahrradschlüsseln, betrachteten vielsagend die Raumdecke oder verdrehten ganz unverblümt die Augen.

„Flash“, mit blondem Zopf und schickem Schirmmützchen, hatte im Schneckentempo den Kaffee in einen Becher gefüllt, wie in Zeitlupe das Croissant in eine Tüte befördert und betätigte nun in Seelenruhe einen Knopf, so dass sich die Kasse öffnete, in die sie dann – laaangsaaam – hineingriff, um noch laaangsaamer eine Münze herauszunehmen, die sie dann am allerlaangsamsten der Frau vor mir in die Hand legte. Die sagte grimmig „Danke“ und rannte buchstäblich aus dem Geschäft zur Straßenbahn. „Flash“, derweil, lächelte allerliebst.

Gründe fürs Schreiben? Brauche ich nicht zu suchen. Seht Ihr ja. Die Gründe drängen sich auf. An manchen Tagen ist es schwer, etwas anderes zutun, als zu schreiben, weil so viele Erlebnisse abgelegt, geordnet, und in Karl-Valentin-Manier verarbeitet werden wollen. Valentin wusste: „Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.“

Und wenn mal nichts passiert, gibt es meine kostbare Sammlung von „Sprungbrett-Fragen und -Satzanfängen“, die zum Eintauchen ins Schreiben anregen. Etwa dieser Beginn: „Wenn ich ganz ehrlich wäre, würde ich sagen …“. Ich liebe dieses Sprungbrett. Es fordert dazu auf,  die Hüllen fallen zu lassen. Heute darf ich mich also zu Ungeduld, Anstrengung, aber auch zu Liebe und meinen Zielen für den Tag bekennen. Um ihnen offen und neugierig nachzuspüren. Gespannt, wohin sie führen. Auf jeden Fall zu mehr Ehrlichkeit und Selbstkenntnis.

Auch für abends gibt es Fragen, die das Leben mit mir selbst spannend machen. Weil ich immer etwas Neues entdecke. Eine von drei Fragen für die Zeit vor dem Schlafengehen lote ich hier mal schon morgens aus: Wer war heute mein Lehrer, meine Lehrerin?

Sollte womöglich diese blonde „Flash“/Verkäuferin mir etwas zu sagen haben? Es drängen sich auf: Eile mit Weile; was lange wärt, wird endlich gut (was für den Kaffee, den sie mir verkauft hat, im übrigen stimmt).

Sie erinnert mich auch an mein Zeitmanagement-Seminar mit dem Titel: Wer schnell sein will, muss langsam gehen. An den Satz glaube ich – wenn ich nicht gerade zu einem Termin muss und noch kein Frühstück hatte.

Erinnerungen daran, dass der Satz stimmt, gab es für mich in letzter Zeit viele: Habe ich mir doch erst vor acht Wochen einen Bänderriss zugezogen, als ich in höchster Eile die regennassen Stufen vor unserem Haus hinunterstürzte. Wie einige Monate zuvor übrigens an gleicher Stelle meine Freundin M.. Also bitte Vorsicht, wenn Ihr mich demnächst mal schnell besuchen wollt.

So jetzt wird es aber doch Zeit, mit dem Tagwerk zu starten. Nach diesem heilsamen Umweg über meinen Blog, fällt es mir leichter. Und der blonden Verkäuferin alias „Flash“ danke ich für Ihre Lektion an mich und dafür, dass sie trotz der ungeduldigen Kundenmeute besonnen und freundlich geblieben ist – und den Kaffee nicht verschüttet hat.

„Montagshund“ oder: „Die Qualität der Gedanken“

Ein passender Titel für diesen Blogtext wäre auch: Routinen sind dazu da, gebrochen zu werden.  Ihr ahnt es schon: Irgendetwas ist nicht rund gelaufen, und die Schreiberin versucht sich wieder einmal in Schadensbegrenzung.

Wobei: Geplant war, dass ich mich in diesem Blog mit dem Thema Grenzen beschäftige. Was sind gute Grenzen, was sind notwendige Grenzen, wann schaffen Grenzen ein Gefängnis  – und können sie womöglich auch Freiheit bedeuten? Diese Fragen lassen sich innerpsychisch bis territorial und international betrachten – und das tue ich jetzt – rebellisch wie ich bin – im Hintergrund, während ich Euch über meine aktuellen Herausforderungen erzähle.

Meine Familien- und Arbeitsroutinen sind gerade in Auflösung begriffen; das bedeutet: viele Grenzen, die mir üblicherweise Struktur geben, sind gefallen.

Zum Beispiel morgens: Normalerweise obliegt das morgendliche Kinder-in-die Schule-Schicken meinem Mann, aber der ist weit, weit weg, auf Recherche. Meine lebensnotwendigen Morgenseiten fallen im Augenblick weg, dafür eile ich nach der Kinder-Verabschiedung mit unserem Hund zum See. Das geht entweder mit der S-Bahn, mit dem Leihauto (aufs Rad, Auto von Leihstation holen, Hundekiste rein, Hund rein, Frau rein, los) oder mit dem Fahrrad und Anhänger (Anhänger an Fahrrad, Hund in Anhänger, Frau auf Rad  … ). Letzteres ist Schwerstarbeit für mich, da Hund und Anhänger zusammen sicher mehr als 40 Kilo wiegen.

Normalerweise arbeite ich morgens auch am besten. Aber nach der Hunderunde muss Hundi erstmal gereinigt (Schlauch an, Hund in Schüssel, gut schrubben, gut abtrocknen …) und gefüttert werden, dann falle ich hundemüde in den Sessel. Wenn mein Körper sich wieder rühren mag, ist mein Kopf noch im Leerlauf, der Magen knurrt und ich muss dringend frühstücken.

Ich weiß, das kann Frau auch nebenbei erledigen, habe ich die letzten Tage auch versucht: In der S-Bahn gab’s Coffee to go und Brötchen, dito im Auto, nur heute habe ich dafür Magengrimmen.

Normalerweise gehe ich zweimal die Woche morgens zum Sport, damit mein Rücken die Schreibtischtage einigermaßen wegsteckt. Abends bin ich zu Aktivitäten meist zu k.o. und die Abendroutine – Abendbrot, Zähneputzen überwachen, Sohn ins-Bett-Bringen, obliegt ohnehin traditionell mir.

Doch auch beim Thema Sport hat Hundi einen Strich durch die Routine gemacht:  Hundi bekommt ihre neuen Zähne und nagt daher alles an, was nicht wegläuft. Also auch Treppenstufen, Stuhlbeine, Schuhe, Tischtennisschläger (meines Sohnes), Flip Flops (meiner Tochter), und zuletzt eben auch ihre eigene Schlafbox.

Die Theorie meiner Freundin M., dass mein Hund wegen seiner Labrador-Gene ein Allesfresser bleiben wird, verkrafte ich nicht und muss sie hiermit vehement zurückweisen. Jetzt lässt sich auf jeden Fall die Hundebox nicht mehr verschließen, so dass Hundi nicht mehr gefahrlos allein zu Hause bleiben kann, wenn ich mal eine Stunde sportlich sein will.

Fazit: Geliebte Routinen sind hinfällig, notwendige Begrenzungen nicht mehr existent und wichtige Entfaltungsräume futsch: Meine Schreibzeiten und mein Sport. Und damit auch: Meine gute Laune.

Meine Freundin G. hat mir gegen meinen Frust ein Rezept verraten. Sie rät: „Wenn das Leben nicht gut läuft, verbessere die Qualität Deiner Gedanken.“

Mein erster Gedanke nach dieser Äußerung: „So ein Quatsch.“

Doch in Ermangelung einer Alternative habe ich dann die Qualität meiner Gedanken mühevoll angehoben. Statt: Blödes Hundi und verflixter Tag denke ich nun: „Wenn alte Grenzen fallen, sind neue Perspektiven und Routinen nötig.“

Also habe ich mir für heute und morgen ein Auto gemietet (ein Luxus, zugegeben), in dem ich Hundi lasse, wenn ich gleich eine Stunde Sport treibe. Das Auto wird auch morgen früh vor der Tür stehen und ich freue mich darauf, wohlgemut an den See zu fahren, vielleicht selbst eine Runde zu schwimmen und mich am Toben meines Hundes zu freuen, bevor ich dann mit Hundi im Café sitze, meine Morgenseiten schreibe und meine gute Laune pflege.

Darüber hinaus tröstet mich folgender qualitativ hochwertiger Gedanke:

„Es hätte schlimmer kommen können“.  So wie neulich am Sonntag, als Hundi in unbeobachteten zehn Minuten die Betonsäcke angenagt hat, die wir vorübergehend im Flur gelagert hatten. In der mit Notfällen gefüllten Tierklinik hörte ich mich dann eine Viertelstunde später diesen tragikomischen Satz sagen:

„Wissen Sie vielleicht wie schnell Beton im Bauch eines Hundes hart wird?“

Der Blick der Arzthelferin verriet, dass sie sich zeitgleich mit mir dicke scharfkantige Mauerteile im weichen Gedärm meines Hundes vorstellte …  Und zwei Minuten später waren wir im Sprechzimmer.

Eine Stunde später standen wir wieder am Eingangstresen und die Arzthelferin und ich lächelten uns entspannt an: Der Magen von Hundi war wieder schön leer.

Womit auch gesagt wäre, wie es zum Titel dieses Blogs kommt: „Montagshund“ (den ich trotz allem fast so lieb habe wie Kinder und Mann). A propos Mann: Mitte nächster Woche ist dieser wieder im Lande und die alten Routinen greifen wieder … Und das ist nun wirklich der qualitativ beste Gedanke dieses Morgens.

Vielleicht nehmt Ihr meine Erfahrung als Schreibanregung, nur fünf Minuten, gleich als nächstes: Wo und wie könntet Ihr die Qualität Eurer Gedanken verbessern – und  Euch neue Freiheiten und bessere Laune verschaffen?

 

 

 

Flügge, flügger, am flüggsten

„Mama, ich finde schon selbst einen Platz“, versicherte mir gestern meine Tochter – leicht genervt von ihrer peinlichen Mutter, um dann ohne Abschiedsküsschen im ICE 2031 nach Berlin zu verschwinden. Während ich dem Töchterlein vom Bahnsteig aus noch fürsorglich zuwinkte, war sie schon in der Welt ihres Smartphones versunken – Ohrhörer im Kopf, Blick aufs Display gerichtet.

Vor ein paar Minuten, die sich jetzt anfühlen wie Jahre, hatte sie noch meine Hand gesucht und war wie eine Sechsjährige neben mir den Bahnsteig entlang geeilt, den Rollkoffer hinter sich her schlingernd. Die Hand hatte sie mir entzogen, als ich versuchte, die Zugchefin dazu zu bringen, doch „bitte schön“ auf meine Zwölfjährige ein bisschen zu achten, deren Reservierung in diesem Ersatzzug nun doch nicht galt und die deswegen ohne den bereits bezahlten Sitzplatz dastand.

„Mein Kind reist zum ersten Mal allein, da können Sie doch mal einen Blick auf sie haben“, hörte ich mich sagen und spürte die Löwin in mir.

Diese Löwin, die ihre Kinder mit ihrem Leben zu schützen bereit ist, war erstmals erwacht, als es vor Jahren galt, den geeigneten Kindergarten für mein Mädchen zu finden. Damals weinte ich heimlich auf dem Klo in der Kita, weil mir die Erzieherinnen so furchtbar kalt und uninspiriert erschienen und ich mein Töchterlein um keinen Preis der Welt da lassen konnte.

Wir fanden dann zwei Wochen später den passenden Kindergarten und liebevolle Erzieherinnen, die zu Freundinnen wurden – ein Glücksfall, ein Wagnis. Viele andere Mütter gingen in Bremen im selben Herbst leer aus und mussten ihre berufliche Zukunft eine Weile verschieben.

Heute morgen weinte ich wieder, den Kopf an der Schulter meines Mannes. „Das ist aber lange her, dass Du ein T-Shirt nass geheult hast“, sagte er sanft. Ich schniefte: „Jetzt wird sie groß, jetzt geht sie, jetzt bricht eine neue Zeit an“. „Ja“, sagte er, „und das wolltest Du doch immer. Alles ist gut.“

Alles ist gut. Obwohl ich gestern Abend gar keine Whatsapp meiner Tochter aus dem Feriendomizil mehr erhalten habe. Dafür heute morgen eine knappe Anweisung: „Mach mir bitte einen Frisörtermin“. Jetzt wird sie erwachsen, das ist der Beweis, dachte ich. Schneiden nicht alle Frauen ihre Haare, wenn eine neue Etappe in ihrem Leben anbricht?

Bisher hatte ich mein Töchterlein fast mit Gewalt zum Spitzenschneiden überreden müssen, alle Ideen für  kürzere Frisuren waren an der Peer-Pressure zum Einheitslook abgeprallt: Lange Haare, Hochsteckfrisuren, Zöpfe und sonst nichts sind angesagt.

In Berlin besucht Töchterlein jetzt eine angesagte Freundin mit neuen coolen Regeln. Die zweite Whatsapp heute morgen: „Mama, nach dem sie mich vom Bahnhof abgeholt hat, mussten wir direkt ins Nagelstudio, weil ihr Fingernagel abgebrochen ist.“ Fassungslos starrte ich auf die Message und fragte mich, was sich nach der Rückkehr meiner Tochter außer der Frisur noch alles verändern wird.

Dann der Anruf, weit weniger enthusiastisch, als ich befürchtet und gewünscht hatte: „Ich vermisse Euch jetzt schon. Und, nein, Mama, keine neue Frisur, nur Spitzen schneiden“.

Ich soll sie in Berlin nicht abholen wie eigentlich geplant. Sie will alleine im Zug zurück kommen, damit es schneller geht und sie gleich Montag wieder mit ihrer Freundin K. spielen kann. Die hat sie mit zwei Jahren im besagten, glücklichen Kindergarten kennen gelernt. Töchterlein und K. wollen ein Baumhaus bauen. Ihre langen Haare werden sie dabei zu Zöpfen flechten und vielleicht wird der ein oder andere Finger nebst Fingernagel beim Hämmern etwas leiden.

Einen Besuch im Nagelstudio werde ich jedoch noch nicht vereinbaren müssen.

 

Ferien-Schreibanregung:

Wovon musstet Ihr Euch in letzter Zeit verabschieden? Was habt Ihr dabei gewonnen? 

Einen schönen Sommertag wünscht Euch

Eure Birgit

 

 

Schreibend reisen

Es regnet in Strömen. Und mein Hund hat Durchfall. Ich sitze am Balkonfenster und freue mich: Was für ein Glück!

Irgendwas oder -wer hat wohl ein Einsehen gehabt, so dass ich nun nicht nach Leer fahren muss, um meinen Kindern meine Heimatstadt zu zeigen. Denn auch dort ist bis 15 Uhr nur Nassregnen angesagt.

Als meine Tochter vor einigen Monaten vorschlug, mit ihr die Orte meiner Kindheit zu besuchen, war ich Feuer und Flamme. Eine schöne Vorstellung, meinem Kind die Turnstangen zu zeigen, an denen ich als Grundschülerin durch die Pausen hangelte. Eine wonnige Idee, wieder einmal wie Hänsel und Gretel durch den Heseler Wald zu stromern, dort die sandigen Hügel hinunter zu kugeln und mich an die Pilzmahlzeiten zu erinnern, die wir dort unter fachkundiger Anleitung von Opa und Onkel zusammen sammelten.

Seit gestern holten mich dann die weniger schönen Bilder meiner Heimat ein. In meiner Vorstellung sah ich mich in klammen Klamotten und unter dichter grauer Wolkendecke an den Gräbern meiner Großeltern und Eltern stehen.
Ich sah unsere Familie durch die Gäßlein der Kleinstadt Leer wandern, während sich kein Sonnenstrahl durch die Giebel zwängt und kein fröhliches Schattenspiel die Enge zwischen den Häusern weitet.
Und ich sah mich vor meinem Großelternhaus stehen, in dem nun andere Menschen wohnen, andere Kinder spielen und ganz andere Geschichten als meine erzählt und erlebt werden.

Zum Glück sitze ich nun hier und mein Ausflug findet nur jetzt und hier für 20 Minuten in meinem Kopf statt. Das ist ein Besuch in der Vergangenheit nach meinem Geschmack. Er zeigt mir – wieder einmal – wie wunderbar es ist, schreibend Orte zu besuchen – und sie sofort wieder verlassen zu können, wenn mir danach ist.

Meine Zeitmaschine – das Schreiben – betätige ich nach Gusto. Die Ferien bieten sich besonders an für diese Art von Reisen, anstelle von echten oder zusätzlich zu realen Reisen.

Für alle von Euch, die Lust auf einen kleinen Ausflug in die Kindheit und die Phantasie haben, hier eine feine, kleine Schreibanregung:

Wir alle kommen von irgendwo her. Wo bist Du hergekommen?
Und wie bist Du entkommen?

Wer mag: Beschreibe den Ort auf der konkreten Ebene (die Straße Deiner Kindheit, Dein Elternhaus, die Schule oder auch deinen ersten Freund und Kuss … )
und auf der inneren Ebene (wo fühltest Du dich geborgen, zu Hause, in der Sackgasse, fehl am Platz, auf der Durchreise, endlich angekommen … ).
Vielleicht könnt Ihr beide Ebenen verbinden?

Zeitvorschlag: 20 Minuten.

Eine schöne Zeitreise wünscht Euch: Eure Birgit

 

Eine Frage der Perspektive

Kennt Ihr diese Tage: Es scheint die Sonne, die Vögel zwitschern, alles ist gut und dann fragt Euch jemand Achtjähriges (oder so), wann Ihr denn zu sterben gedenkt, wo Ihr danach hingeht und ob das alles bald sei?

Existenzielle Fragen wie diese begleiteten mich am vergangenen Wochenende: Ich recherchiere gerade für einen Artikel zum Thema „Spontanremissionen bei Krebs“ und folgte auf einer Tagung Vorträgen über Salutogenese. Es ging also um die Frage, wie erkrankte – und gesunde – Menschen ihre Überlebenschancen erhöhen und ihre Lebensqualität verbessern können.

Und – oh Wunder – neben mediterraner Ernährung und dreieinhalb Stunden Sport die Woche, dazu wenig chronischer Stress (also weniger Cortisol), mehr Meditation und Achtsamkeit – gilt als ein salutogener Faktor: Mit Ängsten umgehen zu lernen.

Das ist keine leichte Aufgabe, denn wer an Krebs erkrankt, gerät zunächst fast immer in  Panik, das Leben gerät von einer Minute zur anderen aus den Fugen, Ängste können unkontrollierbar werden.

Man weiß ja, dass Krebs die zweithäufigste Todesursache ist und dass jeder vierte oder fünfte Deutsche eine Krebsgeschichte zu erzählen hat. Solche Informationen nehmen Menschen die Hoffnung und können wie ein Nocebo wirken. Das ist das Gegenteil eines Placebos, nur dass im Falle eines Nocebos eine wirkungslose Substanz eine Wirkung entfaltet – und zwar eine äußerst negative.

Natürlich werde ich als Schreibende und als Coach, die Worte zur Heilung und Entwicklung einsetzt, an dieser Stelle hellhörig. Was sind das für Worte, die zu Nocebos werden können. Welche Informationen, Tonlagen, Aussagen können Menschen tiefgreifend schädigen?

Wir alle kennen zum Beispiel die Beipackzettel von Medikamenten. Wenn man über mögliche Nebenwirkungen liest, geht es einem fast unweigerlich schlecht. Und dann sind da die vielleicht wohl gemeinten, aber fatalen Worte, die ein Arzt sprechen kann: „Das sieht aber leider gar nicht gut für sie aus. Da müssen wir ganz schnell handeln.“ Oder gar: „Sie haben nur noch X Wochen oder Monate, regeln Sie besser Ihre Angelegenheiten.“

Wie gut tut es dagegen zu hören, dass mittlerweile fast jeder zweite Krebspatient gute Heilungschancen hat. Und das es tatsächlich von sich aus schrumpfende Tumore, günstige Verläufe und spontane Heilungen gibt. 

Ein Hamburger Architekt berichtete beispielsweise von seiner Prostata-Krebs-Diagnose, die ihm sein Arzt vor zwanzig Jahren gab: Er müsse sich ganz schnell operieren lassen, sonst habe er keine Chance. Doch der Patient verzichtete auf die Behandlung und lebt noch heute. Jetzt verwandelt er seine Emotionen in Kunst, er musiziert und spricht über seine Erlebnisse auf Tagungen wie jener in Hamburg.

Ein Chirurg im Seniorenalter erzählte, dass er vor drei Jahren Lungenkrebs hatte und seine Ärzte ihm noch höchstens ein halbes Jahr gaben. Er verkaufte sein Auto, überschrieb Haus und Hof seiner Frau und machte sich zum Sterben bereit. Doch der Tumor in der Lunge bildete sich zurück und jetzt stand er da in Hamburg am Rednerpult, um davon zu erzählen.

Geschichten wie diese machen Mut und werden damit zum wirksamsten Placebo, den man sich vorstellen kann: zur Hoffnung. Informationen darüber, dass es Spontanremissionen gibt, vervollständigen außerdem das Bild, das wir uns vom Krebs machen. Und auch das kann die Angst mindern.

Menschen, die Remissionen oder gar Heilung erleben, verändern vielleicht ihre Ernährung oder treiben mehr Sport und verbessern oder verlängern dadurch ihr Leben. Vor allem aber überprüfen sie ihre Prioritäten, sie werden dankbarer, aufmerksamer. Und das an jedem einzelnen Tag.

Man könnte dies als heilsamen Perspektivwechsel bezeichnen, der auch einer der magischen Wirkstoffe des Schreibens ist (siehe Schreiben zur Selbsthilfe, Springer 2017). Mich hat die Tagung jedenfalls dazu bewogen, mir abends im Journal wieder drei heilsame Fragen zu stellen:

  1. Wofür bin ich dankbar?
  2. Wer war heute mein Lehrer*in?
  3. Was habe ich heute verschenkt?

Für mich als Hundefan ist das im Augenblick der geeignete Weg, Snoopys Weisheit (siehe Bild zu folgen): Denn um die Frage vom Anfang dieses Blogbeitrags zu beantworten: Ich weiß, dass ich eines Tages sterbe. Aber an allen anderen Tagen lebe ich – und das so gut und erfüllt, wie es geht.

Und das wünsche ich Euch auch von Herzen!

 

 

Was soll mir das sagen?

„Nichts ist für nichts“, behauptet meine Freundin R. aus W. gern. Da sie meistens recht hat, frage ich mich heute: Wozu war das nun wieder gut? Oder besser: Was soll die Deutsche Bahn mich lehren?

Vorweg: Ich bin Bahnfan – auf dem Weg zu Schreibfreundinnen in Wien verschafft sie mir stets zehn Stunden wundervolle, weil ungestörte, Schreib-, Schlaf- und Essenszeit (Reservierung vorausgesetzt). Auf dem Weg zur Arbeit garantiert sie eine gute Entschuldigung und verständnisvolles Nicken („Ach, die Bahn hatte wieder mal Verspätung“). Vor längeren Reisen mindert sie meine Nervosität (statistisch gesehen ist Zugfahren eine gefahrlose Sache).

Heute morgen ist meine Loyalität auf eine harte Probe gestellt worden. Obwohl ich unbedingt acht Stunden Schlaf benötige (Denken ohne Licht an im Kopf geht bei mir nicht), bin ich heute um halb fünf aufgestanden, um den Regionalzug nach Hamburg rechtzeitig und gelassen zu erreichen. Damit wollte ich gleich zwei Muster durchbrechen, und endlich einmal

  1. ganz entspannt ankommen, statt wie sonst rechtzeitig, aber voller Adrenalin.
  2. wirtschaftlich statt wie sonst meist: großzügig handeln (Regionalbahn dauert länger, ist aber billiger als IC).

Am Gleis – ich halte die billigere Fahrkarte in der Hand – die Versuchung: Der schnelle IC von vor einer Stunde hat eine irrwitzige Verspätung und fährt gerade ein: ich könnte im alten Muster bleiben, einsteigen, und teuer im Zug nachlösen. Dafür wäre ich früher in Hamburg, könnte den schweren Koffer noch bequem im Hotel abliefern und einem gesunden Rücken und meiner Seelenruhe näher kommen.

Mein Bauch ruft: Tu’s. Mein Kopf rät: Birgit, meine Liebe, Du wolltest doch wirtschaftlicher …“
Ich folge dem Kopf.

Ich steige brav in den Regionalzug, der schnelle IC gegenüber fährt ab, ich höre die Durchsage: „Wegen einer Lokstörung … fünf Minuten Verspätung.“

Toll, mein Puffer fürs Umsteigen am Hauptbahnhof verliert fünf Minuten.

Nach zehn Minuten, erneut der Zugchef: „Wir müssen Sie noch einmal ein paar Minuten vertrösten …“

Der Umsteige-Puffer ist ernsthaft angefressen.

Nach einer halben Stunde fliehen alle Passagiere – die vergeblich auf eine weitere Ansage warten – in den Zug am anderen Bahnsteig, der nun nach Hamburg fahren soll, allerdings dabei an jeder Milchkanne hält.

Wir sitzen gerade alle wieder, um zu hören: „Liebe Fahrgäste, der ursprüngliche Zug kann doch fahren, bitte steigen Sie wieder um …“

Alle Passagiere stürzen mit Koffern, Taschen, Stock und Schirm zurück in den Wagen, aus dem sie gerade geflohen sind.

Fünf Minuten später, der Zugchef: „Scheiße, ich habe die Nase voll, wir fahren doch nicht. Jetzt ist der Steuerwagen defekt“.

Mein Puffer zum Umsteigen in Hamburg ist schon längst nicht mehr existent.

Alle Passagiere stürzen WIEDER mit Koffern, Taschen, Stock und Schirm in den Zug am anderen Bahnsteig, der mittlerweile verspätet und noch dazu mit Halt an jedem Unterwegsbahnhof nach Hamburg schleicht.

Hier sitze ich nun und höre die Zugchefin: „Ihnen allen trotz der Verspätung eine entspannte Fahrt. Und ich denke: „Liebe R. , wofür war das nun gut?“ Denn auch heute werde ich wieder mit viel Adrenalin, verspanntem Rücken und darüberhinaus noch mit Schlafdefizit am Ziel ankommen.

Fehlt nur, dass meine Kollege*innen gleich denken, ich wäre zu spät aufgestanden oder hätte am falschen Ende gespart, wenn ich mich auf die einzige Konstante der Deutschen Bahn verlasse und sage: „Entschuldigung, der Zug hatte Verspätung“.

PS: A propos, was kann ich lernen? Das Memoir, das auf dem Weg nach Wien in den wunderbar ungestörten Bahnfahrzeiten entstanden ist, heißt: „Bauchgefühle“. Sollte mir das etwas sagen?