Wie Fron*-Dienste froh machen können

Morgens, halb sieben in Deutschland: ein Berg Porzellanschälchen, schön klebrig vom warmen Morgenbrei, tiefe – einst weiße – Teller rot fleischig gesprenkelt von der Bolognese, die mal drauf war, dazwischen ein paar steinharte Nudeln vom Vortag, Kaffeegläser, an deren Wand sich die Milchhaut wie bräunlicher Schorf abgelagert hat …

Ich will Euch nicht das Gruseln beibringen, obwohl das amerikanische Importfest Halloween dazu einlädt. Sondern erzählen, wie ich meine morgendliche Strafarbeit in der Küche mit poetischer Kompetenz in eine lustvolle Tätigkeit umgewandelt und noch dazu eine Erkenntnis gewonnen habe.

Zum Hintergrund: Ich habe morgens selten schlechte Laune, es sei denn, ich muss noch im Halbschlaf die Küche aufräumen, Mülleimer säubern und Essensreste aus Tellern schaben. Wieso immer ich?, frage ich mich. Warum können die Kinder die Teller nicht abspülen? Und wo ist eigentlich mein Mann?

Und eine Nörgelei nach der anderen reiht sich in eine lange Schlange von Nörgeleien ein, die meist eine ebenso lange Schlange Gemecker oder Gejammer nach sich zieht: „Die Tochter von X muss das auch nie machen“, „Ich hab aber meinen Teller abgespült!“ „Ich muss immer viel mehr helfen als mein Bruder/meine Schwester“. Und dann stehe ich am nächsten Morgen wieder vor einem Berg Porzellanschälchen, Kaffeegläsern, Tellern …

Vielleicht wollte heute ja ein guter Traum aus der Nacht noch zu ende geträumt werden, vielleicht hatte ein Teil von mir auch keine Lust mehr, sich zu ärgern, auf jeden Fall entspann sich in meinem Kopf wie von selbst diese Geschichte, die sich dann – zu meiner große Überraschung – sogleich in Realität verwandelte.

„Frau Schreiber kommt morgens gut gelaunt  in die Küche, denn sie freut sich schon auf ihre Pflichten: Spülmaschine aus- und einräumen, Spüle säubern, Boden fegen, Mülleimer leeren, säubern, dann Brote schmieren, Wasserflaschen füllen, Hund füttern etc. Doch zunächst: Kaffee kochen. Während er auf dem Herd brodelt, öffnet sie rückenschonend (gerader Rücken, kein Hohlkreuz, Knie über den Füßen) die Spülmaschine, verstaut das saubere Geschirr andächtig in Schränken und Schubladen. Mit Sorgfalt sucht sie sich die Plätze für jedes einzelne Stück aus, stapelt die geliebten ostfriesischen Tassen vorsichtig übereinander – weit weg von Kinderhänden ins oberste Schrankfach. Schön sieht das aus, wie die roten Rosen von den Tassen blühen, während rechts daneben die blauen Teller von Tante A. schon auf den Nachmittagskuchen warten: Vielleicht Apfel mit Sahne?“

Jetzt kommt der wichtigste Teil der Geschichte:

„Wie wundervoll“, denkt die zufriedene Mutter und Ehefrau, dass ich so ganz allein bestimmen kann, wo jedes Teil seinen Platz findet. Niemand sonst, der die Ordnung in den Schränken durcheinander bringen konnte. Jeder Deckel, jedes Utensil findet den Ort, den ich ihm zugedacht habe (und ich muss später nicht danach suchen). Und: Ich freue mich als erste und ausgiebig über die leeren, sauberen Flächen in unserer Wohnküche. Einen Moment hält der Tag inne. Alles auf Anfang. Ganz bewusst genieße ich die Vorstellung, dass ich es war, die Platz dafür gemacht hat, damit meine Familie wieder neue, lebendige Spuren hinterlassen kann.“

Ihr werdet es mir vielleicht nicht glauben – aber an dieser Stelle fühlte ich mich vom Leben beschenkt. Ich war dankbar, dass ich eine Familie habe mit drei, plus Hund vier, mich eingeschlossen fünf Wesen, die mir täglich Arbeit machen. Eine oft ungeliebte Arbeit, die ich heute in neuem Licht sah.  

Im Coaching nennt man ein solches Umdeuten von unangenehmen Situationen Reframing: Dazu sammelt man ungewöhnliche, manchmal auch komische, immer aber positive Aspekte oder Gründe für eine Situation, die einen irritiert, ärgert, nervt. Und oft passiert Folgendes: Die eigene Lage empfindet man gleich als angenehmer, kann ihr vielleicht sogar etwas abgewinnen und sie in Zukunft meist besser für sich gestalten.

Ich glaube, poetische Kompetenz kann genau dasselbe bewirken, nur macht sie mir mehr Spaß. Poetische Kompetenz bedeutet ja, dass wir eine andere, tiefere Dimension vom Dasein erleben und darüber sprechen, Geschichten erzählen oder schreiben. Sie bedeutet, dass wir Zwischentöne hören, Licht am Ende des Tunnels sehen und auf den Regenbogen schauen, wenn es gedonnert hat. Mit poetischer Kompetenz finden wir auch einen Ausdruck  dafür, dass unser Leben einen Sinn, eine Bedeutung hat, für die wir im Alltagstrott meist keinen Blick, geschweige denn Worte haben.

Natürlich fragt sich ein unverbesserlicher Teil von mir, wie hoch der Geschirrberg sich in Zukunft türmen wird. Doch ich bin zuversichtlich, dass ich mich an meine kleine Story erinnern werde und daran, dass ich meine Fron heute in Freude verwandelt konnte.

*Aus dem Wörterbuch:

Fro̱n
Substantiv [die]
1.GESCHICHTE
körperliche Arbeit als Dienstleistung für den Lehnsherrn.
2.gehoben, übertragen, abwertend
eine als Last empfundene Arbeit.
„Wenn man keine freie Zeit mehr hat, wird die Arbeit zur Fron.“

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Inspiration ist …

Gerade hatte ich eine dieser Eingebungen, von denen ich mir wünsche, ich würde mich im rechten Moment an sie erinnern.

Um kreativ und glücklich zu sein, brauchen Menschen: Inspiration.

Und Inspiration, diese wunderbare Frucht, wächst nicht in Massen am Strauch vor dem Haus. Sie ist seltener, kostbarer, flüchtiger:

Eine Blume, die nur nachts blüht. Oder nur einmal im Jahr (nur bei Mondlicht und Westwind).

Ein Tier, dass sich nur zeigt, wenn ich Geduld und Muße aufbringe, es zu suchen, zu beobachten, zu bewundern.

Wie ein Igel vielleicht. Unscheinbar aber wundervoll in seiner Extravaganz und Unangepasstheit. Wie säugt ein Weibchen seine Jungen, ohne sie zu stechen? Ganz zu schweigen von den Dates mit dem Liebsten? Und was macht dieser riesige Igel eigentlich jeden Abend in unserem Vorgarten?

Da ist sie dann, die Inspiration. Das Futter für die kreative Seele. Im Schlepptau ihre Freundinnen, die Phantasie, die Neugier.

Wieder eine Erkenntnis: So selten und flüchtig ist die Inspiration dann wohl doch nicht. Es genügt, wenn ich aufmerksam werde auf die kleinen Wunder um mich herum.
Mit den Worten einer Freundin, die mir neulich schrieb, um mich aufzumuntern:

Schau mit den Augen eines Kindes!

Vielleicht schreibe ich nachher für meinen Sohn eine Igel-Geschichte – passend zu Halloween mit Monster-Igeln und furchtlosen Geschwister-Igeln und einer Katze, die einfach nicht lernen will, dass Stacheln pieken.

Eine Anregung für Euch: Da wir nie wissen, wo die Inspiration lauert, schaut doch mal, ob ihr eine Spur von ihr heute zu sehen bekommt. Worin verbirgt sie sich für Euch? Und zu was könnte sie Euch anstiften?

Viel Erfolg und bis bald, Eure Birgit

Endlich wieder Regen, Nebel, Glücklich-sein

Mag sein, dass ich da etwas komisch bin. Während die Menschen um mich her klagen, dass ihnen der Bremer Sommer zu kurz war („…. und viel zu kalt, und eigentlich war das ja mal wieder gar nix“) und andere sich beim Herbsturlaub im Süden noch einmal für die dunkle Jahreszeit wärmen („Sonne, Licht, sonst werde ich im November depressiv“), kuschele ich mich in meinen Sessel, mache die Kerzen vor dem Fenster an – und bin glücklich.

„Im Sommer sind alle immer so rastlos“, sagte vorgestern die Frau vom Secondhandladen. „Ich mag die Menschen gelassener lieber“. Das fand ich sehr weise.
Und außerdem sprach sie an, was ich mir vom restlichen Oktober und November erhoffe. Nämlich: selbst etwas gelassener zu werden, etwas langsamer, mich mehr zu besinnen und einzukehren – in gemütlichen Gaststuben ebenso wie in meinem Wohnzimmer und vor allem bei mir selbst.

Kurz: Ich freue mich auf mehr Quality Time für mich. Und die finde ich vor allem beim  Schreiben. So wie jetzt in diesem Blog. Oder beim Date mit mir selbst am Morgen, wenn ich aufschreibe, was ich mir von diesem Tag erhoffe.

Im Schreibtreff mit Gleichgesinnten finde ich dann endlich die Muße, mein Memoir weiter zu überarbeiten. Im Workshop zu meinem Schreibratgeber, nehmen wir uns endlich wieder Zeit, in die eigenen Geschichten einzutauchen – und sie in Seelenstärkung zu verwandeln.

Und plötzlich, so meine berechtigte Hoffnung, finde ich zurück auf meine Spur , die ich in der Sommer-Hektik nur noch aus dem Augenwinkel wahrnehmen konnte. Sie wird bald wieder ein breiter Pfad werden, auf dem es sich – in Regenmantel und Stiefeln – prima durch den Herbst stapfen lässt.

Und mit Glück bleiben dabei auch ein paar sichtbare Spuren zurück …

Ich lade Euch herzlich ein, mit mir schreibend Einkehr zu halten (mehr):

Am 29.10.17 beim „Stärkenden Schreiben über die Vergangenheit“, dem Kurs zum Buch, im Zentrum für Bindungsenergetik, Fedelhören 106, 28203 Bremen; 10 bis 14 Uhr;
Am 11.11. zum monatlichen freien Schreibtreff in der Stadtbibliothek, 10 bis 13 Uhr;
Am 29.11. zum monatlichen Schreibsalon in der Bgm.-Schoene-Str. 12, 28213 Bremen, 18.30 bis 21.30 Uhr.

Oder auf Wangerooge:
Vom 5. bis 7.1.2018, um Eure Wünsche in Worte und Visionen in machbare Ziele zu verwandeln. Atemberaubender Meerblick, Sand, Wind und Wellen inklusive.
Vom 9. bis 11.3.18 zum Schreiben für die Seele – ebenfalls auf W’ooge und mit Panorama-Aussicht auf die Nordsee.

Zu Gast bei Andrea Klein

Wie das autobiografische und kreative Schreiben in der Wissenschaft und im Studium nützen kann, dazu schreibe ich heute im Blog von Dr. Andrea Klein „Wissenschaftlich Arbeiten lehren“.

Als Andrea Klein mich um den Beitrag bat, wusste ich zunächst gar keine Antwort. Zu offensichtlich erschien mir, dass Studieren und wissenschaftlich Arbeiten ohne den Spielraum des privaten Schreibens schwer gelingen kann. Die Tür zu den vielen Spielräumen des Schreibens – den Flucht-, Möglichkeits-, Kraft-, Traum- und Welträumen – öffne ich in meinem Schreibratgeber „Schreiben zur Selbsthilfe“.

Schließlich kam ich doch auf differenziertere Antworten für Andrea Klein, und die könnt Ihr heute hier lesen.

Zu meiner Gastgeberin: Dr. Klein lehrt wissenschaftliches Arbeiten an der Internationalen Berufsakademie F+U Unternehmensgruppe, an Fachhochschulen und Universitäten. Sie hat ein didaktisches Konzept entwickelt, in dem die individuelle Motivation der Studierenden als zentrale Entwicklungsquelle genutzt wird. In ihrem aktuellen Buch „Wissenschaftliche Arbeiten schreiben“ gibt Klein Anleitungen und über 100 Software-Tipps.

Nur keine Eile

Erinnert Ihr Euch an das Faultier „Flash“ aus dem Trickfilm „Zoomania“? Und an die kleine Polizei-Häsin Judy Hopps, die laut einer Rezension „das Gute will und Chaos stiftet“. Gut. (Wenn nicht –>Link klicken und Trailer schauen). Gerade eben bin ich diese Judy Hopps, die just am Faultier „Flash“ – getarnt als Angestellte eines Bäckereifachgeschäftes – verzweifelt ist.

Und nicht nur ich, die Leidensgenossen, in der von einem auf zwei, auf drei und dann auf zehn Menschen anwachsenden Schlange, scharrten je nach Charakter ungeduldig mit den Füßen, klirrten bemüht unauffällig mit Fahrradschlüsseln, betrachteten vielsagend die Raumdecke oder verdrehten ganz unverblümt die Augen.

„Flash“, mit blondem Zopf und schickem Schirmmützchen, hatte im Schneckentempo den Kaffee in einen Becher gefüllt, wie in Zeitlupe das Croissant in eine Tüte befördert und betätigte nun in Seelenruhe einen Knopf, so dass sich die Kasse öffnete, in die sie dann – laaangsaaam – hineingriff, um noch laaangsaamer eine Münze herauszunehmen, die sie dann am allerlaangsamsten der Frau vor mir in die Hand legte. Die sagte grimmig „Danke“ und rannte buchstäblich aus dem Geschäft zur Straßenbahn. „Flash“, derweil, lächelte allerliebst.

Gründe fürs Schreiben? Brauche ich nicht zu suchen. Seht Ihr ja. Die Gründe drängen sich auf. An manchen Tagen ist es schwer, etwas anderes zutun, als zu schreiben, weil so viele Erlebnisse abgelegt, geordnet, und in Karl-Valentin-Manier verarbeitet werden wollen. Valentin wusste: „Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.“

Und wenn mal nichts passiert, gibt es meine kostbare Sammlung von „Sprungbrett-Fragen und -Satzanfängen“, die zum Eintauchen ins Schreiben anregen. Etwa dieser Beginn: „Wenn ich ganz ehrlich wäre, würde ich sagen …“. Ich liebe dieses Sprungbrett. Es fordert dazu auf,  die Hüllen fallen zu lassen. Heute darf ich mich also zu Ungeduld, Anstrengung, aber auch zu Liebe und meinen Zielen für den Tag bekennen. Um ihnen offen und neugierig nachzuspüren. Gespannt, wohin sie führen. Auf jeden Fall zu mehr Ehrlichkeit und Selbstkenntnis.

Auch für abends gibt es Fragen, die das Leben mit mir selbst spannend machen. Weil ich immer etwas Neues entdecke. Eine von drei Fragen für die Zeit vor dem Schlafengehen lote ich hier mal schon morgens aus: Wer war heute mein Lehrer, meine Lehrerin?

Sollte womöglich diese blonde „Flash“/Verkäuferin mir etwas zu sagen haben? Es drängen sich auf: Eile mit Weile; was lange wärt, wird endlich gut (was für den Kaffee, den sie mir verkauft hat, im übrigen stimmt).

Sie erinnert mich auch an mein Zeitmanagement-Seminar mit dem Titel: Wer schnell sein will, muss langsam gehen. An den Satz glaube ich – wenn ich nicht gerade zu einem Termin muss und noch kein Frühstück hatte.

Erinnerungen daran, dass der Satz stimmt, gab es für mich in letzter Zeit viele: Habe ich mir doch erst vor acht Wochen einen Bänderriss zugezogen, als ich in höchster Eile die regennassen Stufen vor unserem Haus hinunterstürzte. Wie einige Monate zuvor übrigens an gleicher Stelle meine Freundin M.. Also bitte Vorsicht, wenn Ihr mich demnächst mal schnell besuchen wollt.

So jetzt wird es aber doch Zeit, mit dem Tagwerk zu starten. Nach diesem heilsamen Umweg über meinen Blog, fällt es mir leichter. Und der blonden Verkäuferin alias „Flash“ danke ich für Ihre Lektion an mich und dafür, dass sie trotz der ungeduldigen Kundenmeute besonnen und freundlich geblieben ist – und den Kaffee nicht verschüttet hat.

„Montagshund“ oder: „Die Qualität der Gedanken“

Ein passender Titel für diesen Blogtext wäre auch: Routinen sind dazu da, gebrochen zu werden.  Ihr ahnt es schon: Irgendetwas ist nicht rund gelaufen, und die Schreiberin versucht sich wieder einmal in Schadensbegrenzung.

Wobei: Geplant war, dass ich mich in diesem Blog mit dem Thema Grenzen beschäftige. Was sind gute Grenzen, was sind notwendige Grenzen, wann schaffen Grenzen ein Gefängnis  – und können sie womöglich auch Freiheit bedeuten? Diese Fragen lassen sich innerpsychisch bis territorial und international betrachten – und das tue ich jetzt – rebellisch wie ich bin – im Hintergrund, während ich Euch über meine aktuellen Herausforderungen erzähle.

Meine Familien- und Arbeitsroutinen sind gerade in Auflösung begriffen; das bedeutet: viele Grenzen, die mir üblicherweise Struktur geben, sind gefallen.

Zum Beispiel morgens: Normalerweise obliegt das morgendliche Kinder-in-die Schule-Schicken meinem Mann, aber der ist weit, weit weg, auf Recherche. Meine lebensnotwendigen Morgenseiten fallen im Augenblick weg, dafür eile ich nach der Kinder-Verabschiedung mit unserem Hund zum See. Das geht entweder mit der S-Bahn, mit dem Leihauto (aufs Rad, Auto von Leihstation holen, Hundekiste rein, Hund rein, Frau rein, los) oder mit dem Fahrrad und Anhänger (Anhänger an Fahrrad, Hund in Anhänger, Frau auf Rad  … ). Letzteres ist Schwerstarbeit für mich, da Hund und Anhänger zusammen sicher mehr als 40 Kilo wiegen.

Normalerweise arbeite ich morgens auch am besten. Aber nach der Hunderunde muss Hundi erstmal gereinigt (Schlauch an, Hund in Schüssel, gut schrubben, gut abtrocknen …) und gefüttert werden, dann falle ich hundemüde in den Sessel. Wenn mein Körper sich wieder rühren mag, ist mein Kopf noch im Leerlauf, der Magen knurrt und ich muss dringend frühstücken.

Ich weiß, das kann Frau auch nebenbei erledigen, habe ich die letzten Tage auch versucht: In der S-Bahn gab’s Coffee to go und Brötchen, dito im Auto, nur heute habe ich dafür Magengrimmen.

Normalerweise gehe ich zweimal die Woche morgens zum Sport, damit mein Rücken die Schreibtischtage einigermaßen wegsteckt. Abends bin ich zu Aktivitäten meist zu k.o. und die Abendroutine – Abendbrot, Zähneputzen überwachen, Sohn ins-Bett-Bringen, obliegt ohnehin traditionell mir.

Doch auch beim Thema Sport hat Hundi einen Strich durch die Routine gemacht:  Hundi bekommt ihre neuen Zähne und nagt daher alles an, was nicht wegläuft. Also auch Treppenstufen, Stuhlbeine, Schuhe, Tischtennisschläger (meines Sohnes), Flip Flops (meiner Tochter), und zuletzt eben auch ihre eigene Schlafbox.

Die Theorie meiner Freundin M., dass mein Hund wegen seiner Labrador-Gene ein Allesfresser bleiben wird, verkrafte ich nicht und muss sie hiermit vehement zurückweisen. Jetzt lässt sich auf jeden Fall die Hundebox nicht mehr verschließen, so dass Hundi nicht mehr gefahrlos allein zu Hause bleiben kann, wenn ich mal eine Stunde sportlich sein will.

Fazit: Geliebte Routinen sind hinfällig, notwendige Begrenzungen nicht mehr existent und wichtige Entfaltungsräume futsch: Meine Schreibzeiten und mein Sport. Und damit auch: Meine gute Laune.

Meine Freundin G. hat mir gegen meinen Frust ein Rezept verraten. Sie rät: „Wenn das Leben nicht gut läuft, verbessere die Qualität Deiner Gedanken.“

Mein erster Gedanke nach dieser Äußerung: „So ein Quatsch.“

Doch in Ermangelung einer Alternative habe ich dann die Qualität meiner Gedanken mühevoll angehoben. Statt: Blödes Hundi und verflixter Tag denke ich nun: „Wenn alte Grenzen fallen, sind neue Perspektiven und Routinen nötig.“

Also habe ich mir für heute und morgen ein Auto gemietet (ein Luxus, zugegeben), in dem ich Hundi lasse, wenn ich gleich eine Stunde Sport treibe. Das Auto wird auch morgen früh vor der Tür stehen und ich freue mich darauf, wohlgemut an den See zu fahren, vielleicht selbst eine Runde zu schwimmen und mich am Toben meines Hundes zu freuen, bevor ich dann mit Hundi im Café sitze, meine Morgenseiten schreibe und meine gute Laune pflege.

Darüber hinaus tröstet mich folgender qualitativ hochwertiger Gedanke:

„Es hätte schlimmer kommen können“.  So wie neulich am Sonntag, als Hundi in unbeobachteten zehn Minuten die Betonsäcke angenagt hat, die wir vorübergehend im Flur gelagert hatten. In der mit Notfällen gefüllten Tierklinik hörte ich mich dann eine Viertelstunde später diesen tragikomischen Satz sagen:

„Wissen Sie vielleicht wie schnell Beton im Bauch eines Hundes hart wird?“

Der Blick der Arzthelferin verriet, dass sie sich zeitgleich mit mir dicke scharfkantige Mauerteile im weichen Gedärm meines Hundes vorstellte …  Und zwei Minuten später waren wir im Sprechzimmer.

Eine Stunde später standen wir wieder am Eingangstresen und die Arzthelferin und ich lächelten uns entspannt an: Der Magen von Hundi war wieder schön leer.

Womit auch gesagt wäre, wie es zum Titel dieses Blogs kommt: „Montagshund“ (den ich trotz allem fast so lieb habe wie Kinder und Mann). A propos Mann: Mitte nächster Woche ist dieser wieder im Lande und die alten Routinen greifen wieder … Und das ist nun wirklich der qualitativ beste Gedanke dieses Morgens.

Vielleicht nehmt Ihr meine Erfahrung als Schreibanregung, nur fünf Minuten, gleich als nächstes: Wo und wie könntet Ihr die Qualität Eurer Gedanken verbessern – und  Euch neue Freiheiten und bessere Laune verschaffen?

 

 

 

Flügge, flügger, am flüggsten

„Mama, ich finde schon selbst einen Platz“, versicherte mir gestern meine Tochter – leicht genervt von ihrer peinlichen Mutter, um dann ohne Abschiedsküsschen im ICE 2031 nach Berlin zu verschwinden. Während ich dem Töchterlein vom Bahnsteig aus noch fürsorglich zuwinkte, war sie schon in der Welt ihres Smartphones versunken – Ohrhörer im Kopf, Blick aufs Display gerichtet.

Vor ein paar Minuten, die sich jetzt anfühlen wie Jahre, hatte sie noch meine Hand gesucht und war wie eine Sechsjährige neben mir den Bahnsteig entlang geeilt, den Rollkoffer hinter sich her schlingernd. Die Hand hatte sie mir entzogen, als ich versuchte, die Zugchefin dazu zu bringen, doch „bitte schön“ auf meine Zwölfjährige ein bisschen zu achten, deren Reservierung in diesem Ersatzzug nun doch nicht galt und die deswegen ohne den bereits bezahlten Sitzplatz dastand.

„Mein Kind reist zum ersten Mal allein, da können Sie doch mal einen Blick auf sie haben“, hörte ich mich sagen und spürte die Löwin in mir.

Diese Löwin, die ihre Kinder mit ihrem Leben zu schützen bereit ist, war erstmals erwacht, als es vor Jahren galt, den geeigneten Kindergarten für mein Mädchen zu finden. Damals weinte ich heimlich auf dem Klo in der Kita, weil mir die Erzieherinnen so furchtbar kalt und uninspiriert erschienen und ich mein Töchterlein um keinen Preis der Welt da lassen konnte.

Wir fanden dann zwei Wochen später den passenden Kindergarten und liebevolle Erzieherinnen, die zu Freundinnen wurden – ein Glücksfall, ein Wagnis. Viele andere Mütter gingen in Bremen im selben Herbst leer aus und mussten ihre berufliche Zukunft eine Weile verschieben.

Heute morgen weinte ich wieder, den Kopf an der Schulter meines Mannes. „Das ist aber lange her, dass Du ein T-Shirt nass geheult hast“, sagte er sanft. Ich schniefte: „Jetzt wird sie groß, jetzt geht sie, jetzt bricht eine neue Zeit an“. „Ja“, sagte er, „und das wolltest Du doch immer. Alles ist gut.“

Alles ist gut. Obwohl ich gestern Abend gar keine Whatsapp meiner Tochter aus dem Feriendomizil mehr erhalten habe. Dafür heute morgen eine knappe Anweisung: „Mach mir bitte einen Frisörtermin“. Jetzt wird sie erwachsen, das ist der Beweis, dachte ich. Schneiden nicht alle Frauen ihre Haare, wenn eine neue Etappe in ihrem Leben anbricht?

Bisher hatte ich mein Töchterlein fast mit Gewalt zum Spitzenschneiden überreden müssen, alle Ideen für  kürzere Frisuren waren an der Peer-Pressure zum Einheitslook abgeprallt: Lange Haare, Hochsteckfrisuren, Zöpfe und sonst nichts sind angesagt.

In Berlin besucht Töchterlein jetzt eine angesagte Freundin mit neuen coolen Regeln. Die zweite Whatsapp heute morgen: „Mama, nach dem sie mich vom Bahnhof abgeholt hat, mussten wir direkt ins Nagelstudio, weil ihr Fingernagel abgebrochen ist.“ Fassungslos starrte ich auf die Message und fragte mich, was sich nach der Rückkehr meiner Tochter außer der Frisur noch alles verändern wird.

Dann der Anruf, weit weniger enthusiastisch, als ich befürchtet und gewünscht hatte: „Ich vermisse Euch jetzt schon. Und, nein, Mama, keine neue Frisur, nur Spitzen schneiden“.

Ich soll sie in Berlin nicht abholen wie eigentlich geplant. Sie will alleine im Zug zurück kommen, damit es schneller geht und sie gleich Montag wieder mit ihrer Freundin K. spielen kann. Die hat sie mit zwei Jahren im besagten, glücklichen Kindergarten kennen gelernt. Töchterlein und K. wollen ein Baumhaus bauen. Ihre langen Haare werden sie dabei zu Zöpfen flechten und vielleicht wird der ein oder andere Finger nebst Fingernagel beim Hämmern etwas leiden.

Einen Besuch im Nagelstudio werde ich jedoch noch nicht vereinbaren müssen.

 

Ferien-Schreibanregung:

Wovon musstet Ihr Euch in letzter Zeit verabschieden? Was habt Ihr dabei gewonnen? 

Einen schönen Sommertag wünscht Euch

Eure Birgit