Macht Schreiben glücklich?

„Auf jeden Fall“, antwortete eine meiner sehr guten Freundinnen, Johanna Vedral, mit Nachdruck, „mich macht Schreiben auf jeden Fall glücklich“. Diese Freundin, muss man wissen, ist ein Schreibprofi. Sie schreibt Bücher, berät Schreibende, lehrt Schreiben, und entwickelt das Schreiben mit kreativen Techniken weiter. Darüber schreibt sie gerade ein Buch und ich warte schon gespannt darauf.

Wie schafft es das Schreiben, uns glücklich zu machen?, fragte ich weiter und richtete die Frage mehr an mich als an sie. Ist es die Freude über das Produkt, das entsteht? Ist es der Moment, den wir uns mit uns selbst gönnen? Einen Moment, in dem nur unsere Gedanken und Ideen wichtig sind und wir sie so wichtig nehmen, dass wir sie zu Papier oder in den Laptop bringen? Oder aber ist es die neue Perspektive, die beim Schreiben entsteht, weil Schreiben ja Denken ist und man nie weiß, wohin einen der angefangene Gedanke noch führt ….

Glück oder glücklich sein, sind große Ziele, weit größere als beispielsweise Zufriedenheit. In den USA hat man ein Recht darauf, da steht „Pursuit of Happiness“, das Streben nach Glück, in der Verfassung. Wir in Europa müssen uns dagegen die Erlaubnis zum Glück immer wieder selbst geben.

Auf jeden Fall ist das Glück flüchtig, sagen Psychologen. Es kann nicht ein für allemal hergestellt und für alle Zeiten garantiert werden. Wir merken dass, wenn die Freude über eine neues Kleid, das uns beim Kauf „glücklich“ gemacht hat, abebbt. Und wir merken es, wenn die Begeisterung normal wird, die wir empfanden, als wir die neue Wohnung bezogen haben. Und selbst das Glück, Kinder zu haben, ist durchaus nicht täglich zu spüren.

Glück muss ständig wieder hergestellt werden. Und das ist eine Herausforderung. Unter anderen deshalb, weil wir Menschen Negatives viel leichter speichern als Positives, ein Relikt unserer Vorfahren aus der Steinzeit, die darauf angewiesen waren, tödliche Gefahren wieder zu erkennen. Das Glück jeden Tages zu sehen, müssen wir uns dagegen regelrecht antrainieren.

Und hier kommt das Schreiben ins Spiel: Wer täglich schreibt, oder regelmäßig schreibt, wird immer aufmerksamer. Er oder sie lernt, zu beobachten. Sich selbst und andere. Mit Argusaugen.

Mit einem kleinen Dreh kann diese verbesserte Wahrnehmung zu einer Glückslinse werden, zu einer rosaroten  Brille, die wir nach Bedarf aufsetzen können. In dem wir beim Schreiben den Fokus auf die guten Erfahrungen lenken, schlagen wir unserer genetischen Prägung ein Schnäppchen, vernetzen wir unsere Synapsen neu. Schaffen eine neue Art der Wahrnehmung: Diesmal für das, was glücklich machen kann.

Natürlich gibt es noch viele andere Aspekte des Schreibens, die Glück fördern. Das Von-der-Seele-Schreiben zum Beispiel, die Gemeinschaftserfahrung in Schreibgruppen, sogar Krankheiten und Traumata können mit dem Schreiben gelindert und erträglich werden, wie der Psychologe James W. Pennebaker und seine Forscherkollegen in den 1980er Jahren schon gezeigt haben. Seit dem wurden seine positiven Befunde viele Male bestätigt.

Mich versetzt Schreiben außerdem oft in Flow – einen Zustand, der von dem Psychologen Mihaly Csikszentmihalyi beschrieben wurde und sich dadurch auszeichnet, das man Zeit und Raum um sich vergisst und selbstvergessen und glücklich am Werk ist.

Und genau das wünsche ich Euch allen an diesem Tag – mit und ohne Schreiben.

 

 

 

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2 Gedanken zu „Macht Schreiben glücklich?

  1. schreibenbefluegelt

    Hat dies auf Schreiben beflügelt ! rebloggt und kommentierte:
    So ähnlich haben meine Teamkollegin Jutta Michaud und ich das heute den Lerntherapeuten erklärt, die bei uns in Ausbildung sind. Birgit Schreiber macht es prima verständlich, wie das Schreiben uns glücklich macht. Allerdings merken wir immer wieder: Bei allem Resilienzwillen, der Bereitschaft, Krisen zügig zu überwinden und der Suche nach dem Glück im Alltag – es gibt auch Zeiten, in denen haben Trauer und Traurigkeit ihren Platz… und auch da kann ich schreiben; ohne mich zu sehr hineinzudrehen und den Kummer zu verstärken, sondern indem in ihn annehme und anerkenne…
    Eure SuDi

    Antwort

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