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Wie Fron*-Dienste froh machen können

Morgens, halb sieben in Deutschland: ein Berg Porzellanschälchen, schön klebrig vom warmen Morgenbrei, tiefe – einst weiße – Teller rot fleischig gesprenkelt von der Bolognese, die mal drauf war, dazwischen ein paar steinharte Nudeln vom Vortag, Kaffeegläser, an deren Wand sich die Milchhaut wie bräunlicher Schorf abgelagert hat …

Ich will Euch nicht das Gruseln beibringen, obwohl das amerikanische Importfest Halloween dazu einlädt. Sondern erzählen, wie ich meine morgendliche Strafarbeit in der Küche mit poetischer Kompetenz in eine lustvolle Tätigkeit umgewandelt und noch dazu eine Erkenntnis gewonnen habe.

Zum Hintergrund: Ich habe morgens selten schlechte Laune, es sei denn, ich muss noch im Halbschlaf die Küche aufräumen, Mülleimer säubern und Essensreste aus Tellern schaben. Wieso immer ich?, frage ich mich. Warum können die Kinder die Teller nicht abspülen? Und wo ist eigentlich mein Mann?

Und eine Nörgelei nach der anderen reiht sich in eine lange Schlange von Nörgeleien ein, die meist eine ebenso lange Schlange Gemecker oder Gejammer nach sich zieht: „Die Tochter von X muss das auch nie machen“, „Ich hab aber meinen Teller abgespült!“ „Ich muss immer viel mehr helfen als mein Bruder/meine Schwester“. Und dann stehe ich am nächsten Morgen wieder vor einem Berg Porzellanschälchen, Kaffeegläsern, Tellern …

Vielleicht wollte heute ja ein guter Traum aus der Nacht noch zu ende geträumt werden, vielleicht hatte ein Teil von mir auch keine Lust mehr, sich zu ärgern, auf jeden Fall entspann sich in meinem Kopf wie von selbst diese Geschichte, die sich dann – zu meiner große Überraschung – sogleich in Realität verwandelte.

„Frau Schreiber kommt morgens gut gelaunt  in die Küche, denn sie freut sich schon auf ihre Pflichten: Spülmaschine aus- und einräumen, Spüle säubern, Boden fegen, Mülleimer leeren, säubern, dann Brote schmieren, Wasserflaschen füllen, Hund füttern etc. Doch zunächst: Kaffee kochen. Während er auf dem Herd brodelt, öffnet sie rückenschonend (gerader Rücken, kein Hohlkreuz, Knie über den Füßen) die Spülmaschine, verstaut das saubere Geschirr andächtig in Schränken und Schubladen. Mit Sorgfalt sucht sie sich die Plätze für jedes einzelne Stück aus, stapelt die geliebten ostfriesischen Tassen vorsichtig übereinander – weit weg von Kinderhänden ins oberste Schrankfach. Schön sieht das aus, wie die roten Rosen von den Tassen blühen, während rechts daneben die blauen Teller von Tante A. schon auf den Nachmittagskuchen warten: Vielleicht Apfel mit Sahne?“

Jetzt kommt der wichtigste Teil der Geschichte:

„Wie wundervoll“, denkt die zufriedene Mutter und Ehefrau, dass ich so ganz allein bestimmen kann, wo jedes Teil seinen Platz findet. Niemand sonst, der die Ordnung in den Schränken durcheinander bringen konnte. Jeder Deckel, jedes Utensil findet den Ort, den ich ihm zugedacht habe (und ich muss später nicht danach suchen). Und: Ich freue mich als erste und ausgiebig über die leeren, sauberen Flächen in unserer Wohnküche. Einen Moment hält der Tag inne. Alles auf Anfang. Ganz bewusst genieße ich die Vorstellung, dass ich es war, die Platz dafür gemacht hat, damit meine Familie wieder neue, lebendige Spuren hinterlassen kann.“

Ihr werdet es mir vielleicht nicht glauben – aber an dieser Stelle fühlte ich mich vom Leben beschenkt. Ich war dankbar, dass ich eine Familie habe mit drei, plus Hund vier, mich eingeschlossen fünf Wesen, die mir täglich Arbeit machen. Eine oft ungeliebte Arbeit, die ich heute in neuem Licht sah.  

Im Coaching nennt man ein solches Umdeuten von unangenehmen Situationen Reframing: Dazu sammelt man ungewöhnliche, manchmal auch komische, immer aber positive Aspekte oder Gründe für eine Situation, die einen irritiert, ärgert, nervt. Und oft passiert Folgendes: Die eigene Lage empfindet man gleich als angenehmer, kann ihr vielleicht sogar etwas abgewinnen und sie in Zukunft meist besser für sich gestalten.

Ich glaube, poetische Kompetenz kann genau dasselbe bewirken, nur macht sie mir mehr Spaß. Poetische Kompetenz bedeutet ja, dass wir eine andere, tiefere Dimension vom Dasein erleben und darüber sprechen, Geschichten erzählen oder schreiben. Sie bedeutet, dass wir Zwischentöne hören, Licht am Ende des Tunnels sehen und auf den Regenbogen schauen, wenn es gedonnert hat. Mit poetischer Kompetenz finden wir auch einen Ausdruck  dafür, dass unser Leben einen Sinn, eine Bedeutung hat, für die wir im Alltagstrott meist keinen Blick, geschweige denn Worte haben.

Natürlich fragt sich ein unverbesserlicher Teil von mir, wie hoch der Geschirrberg sich in Zukunft türmen wird. Doch ich bin zuversichtlich, dass ich mich an meine kleine Story erinnern werde und daran, dass ich meine Fron heute in Freude verwandelt konnte.

*Aus dem Wörterbuch:

Fro̱n
Substantiv [die]
1.GESCHICHTE
körperliche Arbeit als Dienstleistung für den Lehnsherrn.
2.gehoben, übertragen, abwertend
eine als Last empfundene Arbeit.
„Wenn man keine freie Zeit mehr hat, wird die Arbeit zur Fron.“

Endlich wieder Regen, Nebel, Glücklich-sein

Mag sein, dass ich da etwas komisch bin. Während die Menschen um mich her klagen, dass ihnen der Bremer Sommer zu kurz war („…. und viel zu kalt, und eigentlich war das ja mal wieder gar nix“) und andere sich beim Herbsturlaub im Süden noch einmal für die dunkle Jahreszeit wärmen („Sonne, Licht, sonst werde ich im November depressiv“), kuschele ich mich in meinen Sessel, mache die Kerzen vor dem Fenster an – und bin glücklich.

„Im Sommer sind alle immer so rastlos“, sagte vorgestern die Frau vom Secondhandladen. „Ich mag die Menschen gelassener lieber“. Das fand ich sehr weise.
Und außerdem sprach sie an, was ich mir vom restlichen Oktober und November erhoffe. Nämlich: selbst etwas gelassener zu werden, etwas langsamer, mich mehr zu besinnen und einzukehren – in gemütlichen Gaststuben ebenso wie in meinem Wohnzimmer und vor allem bei mir selbst.

Kurz: Ich freue mich auf mehr Quality Time für mich. Und die finde ich vor allem beim  Schreiben. So wie jetzt in diesem Blog. Oder beim Date mit mir selbst am Morgen, wenn ich aufschreibe, was ich mir von diesem Tag erhoffe.

Im Schreibtreff mit Gleichgesinnten finde ich dann endlich die Muße, mein Memoir weiter zu überarbeiten. Im Workshop zu meinem Schreibratgeber, nehmen wir uns endlich wieder Zeit, in die eigenen Geschichten einzutauchen – und sie in Seelenstärkung zu verwandeln.

Und plötzlich, so meine berechtigte Hoffnung, finde ich zurück auf meine Spur , die ich in der Sommer-Hektik nur noch aus dem Augenwinkel wahrnehmen konnte. Sie wird bald wieder ein breiter Pfad werden, auf dem es sich – in Regenmantel und Stiefeln – prima durch den Herbst stapfen lässt.

Und mit Glück bleiben dabei auch ein paar sichtbare Spuren zurück …

Ich lade Euch herzlich ein, mit mir schreibend Einkehr zu halten (mehr):

Am 29.10.17 beim „Stärkenden Schreiben über die Vergangenheit“, dem Kurs zum Buch, im Zentrum für Bindungsenergetik, Fedelhören 106, 28203 Bremen; 10 bis 14 Uhr;
Am 11.11. zum monatlichen freien Schreibtreff in der Stadtbibliothek, 10 bis 13 Uhr;
Am 29.11. zum monatlichen Schreibsalon in der Bgm.-Schoene-Str. 12, 28213 Bremen, 18.30 bis 21.30 Uhr.

Oder auf Wangerooge:
Vom 5. bis 7.1.2018, um Eure Wünsche in Worte und Visionen in machbare Ziele zu verwandeln. Atemberaubender Meerblick, Sand, Wind und Wellen inklusive.
Vom 9. bis 11.3.18 zum Schreiben für die Seele – ebenfalls auf W’ooge und mit Panorama-Aussicht auf die Nordsee.

Nur keine Eile

Erinnert Ihr Euch an das Faultier „Flash“ aus dem Trickfilm „Zoomania“? Und an die kleine Polizei-Häsin Judy Hopps, die laut einer Rezension „das Gute will und Chaos stiftet“. Gut. (Wenn nicht –>Link klicken und Trailer schauen). Gerade eben bin ich diese Judy Hopps, die just am Faultier „Flash“ – getarnt als Angestellte eines Bäckereifachgeschäftes – verzweifelt ist.

Und nicht nur ich, die Leidensgenossen, in der von einem auf zwei, auf drei und dann auf zehn Menschen anwachsenden Schlange, scharrten je nach Charakter ungeduldig mit den Füßen, klirrten bemüht unauffällig mit Fahrradschlüsseln, betrachteten vielsagend die Raumdecke oder verdrehten ganz unverblümt die Augen.

„Flash“, mit blondem Zopf und schickem Schirmmützchen, hatte im Schneckentempo den Kaffee in einen Becher gefüllt, wie in Zeitlupe das Croissant in eine Tüte befördert und betätigte nun in Seelenruhe einen Knopf, so dass sich die Kasse öffnete, in die sie dann – laaangsaaam – hineingriff, um noch laaangsaamer eine Münze herauszunehmen, die sie dann am allerlaangsamsten der Frau vor mir in die Hand legte. Die sagte grimmig „Danke“ und rannte buchstäblich aus dem Geschäft zur Straßenbahn. „Flash“, derweil, lächelte allerliebst.

Gründe fürs Schreiben? Brauche ich nicht zu suchen. Seht Ihr ja. Die Gründe drängen sich auf. An manchen Tagen ist es schwer, etwas anderes zutun, als zu schreiben, weil so viele Erlebnisse abgelegt, geordnet, und in Karl-Valentin-Manier verarbeitet werden wollen. Valentin wusste: „Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.“

Und wenn mal nichts passiert, gibt es meine kostbare Sammlung von „Sprungbrett-Fragen und -Satzanfängen“, die zum Eintauchen ins Schreiben anregen. Etwa dieser Beginn: „Wenn ich ganz ehrlich wäre, würde ich sagen …“. Ich liebe dieses Sprungbrett. Es fordert dazu auf,  die Hüllen fallen zu lassen. Heute darf ich mich also zu Ungeduld, Anstrengung, aber auch zu Liebe und meinen Zielen für den Tag bekennen. Um ihnen offen und neugierig nachzuspüren. Gespannt, wohin sie führen. Auf jeden Fall zu mehr Ehrlichkeit und Selbstkenntnis.

Auch für abends gibt es Fragen, die das Leben mit mir selbst spannend machen. Weil ich immer etwas Neues entdecke. Eine von drei Fragen für die Zeit vor dem Schlafengehen lote ich hier mal schon morgens aus: Wer war heute mein Lehrer, meine Lehrerin?

Sollte womöglich diese blonde „Flash“/Verkäuferin mir etwas zu sagen haben? Es drängen sich auf: Eile mit Weile; was lange wärt, wird endlich gut (was für den Kaffee, den sie mir verkauft hat, im übrigen stimmt).

Sie erinnert mich auch an mein Zeitmanagement-Seminar mit dem Titel: Wer schnell sein will, muss langsam gehen. An den Satz glaube ich – wenn ich nicht gerade zu einem Termin muss und noch kein Frühstück hatte.

Erinnerungen daran, dass der Satz stimmt, gab es für mich in letzter Zeit viele: Habe ich mir doch erst vor acht Wochen einen Bänderriss zugezogen, als ich in höchster Eile die regennassen Stufen vor unserem Haus hinunterstürzte. Wie einige Monate zuvor übrigens an gleicher Stelle meine Freundin M.. Also bitte Vorsicht, wenn Ihr mich demnächst mal schnell besuchen wollt.

So jetzt wird es aber doch Zeit, mit dem Tagwerk zu starten. Nach diesem heilsamen Umweg über meinen Blog, fällt es mir leichter. Und der blonden Verkäuferin alias „Flash“ danke ich für Ihre Lektion an mich und dafür, dass sie trotz der ungeduldigen Kundenmeute besonnen und freundlich geblieben ist – und den Kaffee nicht verschüttet hat.

Danke, Frida

„Wenn du es eilig hast, mache einen Umweg“ (Buddha) –

las ich gestern auf dem Kalender einer Bekannten. Unsinn, dachte ich, Umwege entstehen von selbst, die muss ich nicht extra machen. Ich komme fast nie direkt da hin, wo ich hin will – entweder sucht mein Sohn seine Schienbeinschützer, fragt meine Tochter nach dem französischen Wort für Mülleimer („Poubelle“) oder Frida, unser 14 Wochen alter Welpe schickt sich an, einen See auf meinen Parkettboden zu machen, während ich eigentlich einen Gedanken zuende bringen und in mein Laptop tippen will.

Und doch: Der Spruch lässt mich nicht los. Was hat Buddha damit gemeint? Heute morgen im Garten wurde es mir auf einmal klar. Nur wenn ich etwas anderes tue, als ich pflichtgemäß tun müsste, komme ich zu mir und dem, was mir wirklich wichtig ist. Weil dann eine neue Perspektive entsteht, ein Blick von außen auf die Routinen möglich wird und die Chance besteht, eine Kurskorrektur vor zu nehmen.

Und dabei hilft mir zur Zeit niemand mehr als der kleine Wirbelwind Frida: Ein espressobrauner, schäfchenweich gelockter Labraodoodle (Multigen, F1b Generation für die Insider), dem wir alle bereits restlos verfallen sind.

Mit Frida ist nichts mehr wie vorher: Ich gehe später ins Bett, damit Frida noch mal vor Mitternacht Gassi machen kann, und stehe früher auf, damit auch morgens kein Malör passiert. Dafür muss ich mich mittags ein paar Minuten hinlegen, wenn Frida nicht gerade ihre wilden zwanzig Minuten hat und durch die Wohnung springt wie ein Kaninchen auf Speed. Die Gespräche am Abendbrottisch drehen sich um die Tagesorga, denn Frida kann noch nicht lange allein bleiben, um die Futtermenge, die wöchentlich angepasst wird, um die Erlebnisse, die jedes Familienmitglied am Tag mit dem Hund gehabt hat.

Zu meinen schönsten Erlebnissen gehören die Umwege, zu denen Frida mich zwingt. Etwa die Gassirunden in meinen besten Denkphasen.  Danach sitze ich ganz still auf der Gartenbank und lausche. Frida lauscht mit, denn sie kommt vom Land und scannt jedes Stadtgeräusch auf sein Gefahrenpotenzial. Und wundere mich, während ich meinen Hund streichle, was ich bislang überhört habe: Das Rattern der Baumaschinen, das Sausen der Straßenbahn, das tiefe Brummen der Laster, die an einer nahe gelegenen Kreuzung Gas geben.

Und ich beobachte meinen Garten – so viele Runden habe ich lange nicht mehr darin gedreht – da sind die weißen Inseln der Schneeglöckchen, die langsam verblühen, die protzig bunten Krokusse, die wegen Frida kaum eine Chance auf Überleben haben, und auch die Vögel, die dicken Amseln und Dohlen, deren „Krakra“ Frida unter meine Bank treibt.

Eine Übung in Achtsamkeit ist das Leben mit Frida – wenn ich es zulasse – dabei tanke ich auf, frische Luft, frische Eindrücke. Am schönsten ist abends der Sternenhimmel, den ich lange nicht mehr betrachtet habe, aber nun, dank Frida, wieder wahrnehme.

Nein, ich bin zur Zeit nicht die Schnellste, wenn es um die Erledigung von Pflichten geht, ich bin auch oft müde, aber bereichert und beglückt.

Danke, Frida.

 

Moment mal

Das Wochenende steht bevor. Lust auf einen Tipp fürs gemütliche Schreiben auf Eurem Lieblingsplatz?

Vielleicht gefällt Euch eine Methode aus der amerikanischen Journal-Bewegung, die so  feine, passende Bezeichnungen für altbewährte Schreibanregungen geprägt hat: Wenn Ihr beispielsweise eine Szene, eine Begebenheit, eine liebgewonnene Erinnerungen detailliert beschreibt, heißt das: Momentaufnahme. Diese Momentaufnahme schreibt man idealerweise mit allen Sinne. Im Mittelpunkt steht eine Situation, die Euch bewegt, erstaunt, irritiert, erfreut, traurig oder neugierig macht. Es kann eine Szene der Gegenwart oder eine aus der Erinnerung sein.

So eine Momentaufnahme hat viele Vorteile, finde ich.

1. Sie hilft mir, schnell zu verarbeiten, was ich erlebe. Bevor es in mir weiter wirkt und mich womöglich belastet.

2. Sie hilft mir, Erinnerungen an besondere, achtsame Momente zu sammeln. Die Details kleiner feiner Situationen werden darin aufgehoben.

3. Sie macht Spaß, ich darf mit Worten spielen, bin kreativ, statt nur reaktiv.

4. Sie bietet eine Pause vom Alltag und vertieft den Moment.

5. Sie schürt Neugier und macht mir bewusst, dass auch mein Alltag spannend und besonders sein kann – wenn ich meine Augen dafür öffne: Was mag der Tag mir heute wohl bringen?

6. Sie fördert meine Offenheit: Ich begegne dem Leben und den Menschen unvoreingenommener, wenn ich den Schwerpunkt aufs Beobachten lege statt vorschnell zu verurteilen, was und wen ich erlebe.
Was genau nehme ich war? Wie kann ich das interpretieren? Wie noch? Diese Fragen führen weiter und bestätigen nicht immerzu meine alte, vielleicht überholte Weltsicht.

Nun ein Beispiel von gestern. Beim Abstecher zum Ikea-Restaurant in Bremen lernte ich eine weitere Facette meiner Mitbürger kennen – und hatte Gelegenheit, über meinen Schatten zuspringen.

Morgens, halb zehn in Deutschland

Sie stehen schon seit zwanzig, dreißig Minuten vor der Tür, in Hut oder Mütze und Mantel. Ikea macht erst um halb zehn auf, aber sicherheitshalber haben viele einen Bus früher genommen. Manche sind mit ihren gepflegten Kleinwagen gekommen, wenige in Limousinen. Es ist offensichtlich: Dies ist ein Low-Budget-Vergnügen für die ältere Generation. Hier ist kaum einer unter siebzig und jeder will der oder die erste am Billig-Frühstücksbuffet sein. Mitten unter ihnen stehe ich wie ein Paradiesvogel unter Pinguinen. Ein frierender, bunter Neuling zwischen dezent gekleideten Profis. Wenn denn mal endlich die Drehtüren in Schwung kommen würden.

Oben im Restaurant formiert sich die Schlange – sie reicht bald quer durch die Tisch- und Stuhlreihen und endet in der Kinderabteilung. Auf den Wägelchen und den Tabletts der Schlangensteher sammelt sich nach und nach die Beute: eingeschweißter Käseteller, eingeschweißter Lachs-Teller, außerdem Rührei, Pfannkuchen, Würstchen, Marmelade. Die Alten sind geübt. Routiniert werden Klappen geöffnet, Teller entnommen, die richtige Sorte Brötchen mit der Metallzange aus den Körbchen gegriffen. Eine Frau mit weißgrauen Haaren nimmt mich unter ihre Fittiche: „Das da kostet 2.95, das hier 1,95. Kaffee ist gratis.“

Der Altersdurchschnitt der Menschenschlange wird durch eine Gruppe U-30-Männer in orangefarbenen Jacken und mit bedruckten T-Shirts gesenkt: „Rettungsdienst“, steht da auf ihrem Rücken. Sie lachen, aber nicht laut – lange Nachtschicht gehabt? Jetzt kommen auch ein, zwei Mütter mit Kleinkindern und suchen günstige Plätze. Ein Vater klettert auf einen Barhocker und richtet seinen müden, aber liebevollen Blick auf den Sprössling in der Spielecke, während Mama ansteht. Die ersten Best-Ager werden an der Kasse abgefertigt. Sie setzen sich an einen Achtertisch, den sie zuvor mit Jacken reserviert hatten. Ihnen gehört bestimmt eine der Limousinen auf dem Parkplatz, der da unten in voller Pracht vor ihnen liegt. Ganz offensichtlich erfolgsgewohnt, sind ihnen auch hier vordere Plätze beim Frühstück sicher.

Rüde drängelt sich eine ältere Frau vor mir in die Schlange. Eine zweite, jüngere Frau stellt sich dazu. Ich sage: „Vordrängeln ist nicht die feine englische Art.“ Die Frau tut entrüstet  und stellt sich wieder hinter mich. Die ältere Frau vor mir wendet den Kopf, sie kann mir nicht in die Augen schauen. Die jüngere Frau hinter mir sieht es und erklärt: „Das ist meine Mutter, ich lade sie einmal die Woche zum Frühstück hier ein.“ Ich denke bei mir, „Warum rege ich mich eigentlich auf?“ und sage: „Sorry, Ihre Mutter hat das Fass heute morgen zum Überlaufen gebracht. Stellen Sie sich ruhig zu ihr.“ Die jüngere nickt: „Anstrengender Morgen? Kenn ich, Kinder, Schule und so weiter?“ Ich nicke und freue mich: Ein unerwarteter weiblicher Schulterschluss in der Rushhour des Lebens.

Mit dem Bezahlen geht es nur langsam voran – es ist lediglich eine Kasse besetzt. Die erfahrenen Buffetbesucher murren. Eine Frau schert aus auf die Überholspur und stellt sich an der zweiten Kasse an. Nach fünf Minuten ist klar: Die bleibt zu – sie ist defekt. Die anderen Kunden lassen die Frau nachsichtig nickend zurück in die Schlange. Sie haben es nicht mehr eilig, wissen, jeder wird hier früher oder später bedient. Und schließlich: Das Warten verlängert den kostbaren Frühstücks-Event immerhin um Minuten, wöchentlich, vielleicht täglich, morgens, halb zehn in Deutschland.

 

 

 

 

 

 

 

 

Schon mal ein Sonett geschrieben?*(*= vierzehnzeiliges Gedicht italienischen Ursprungs, von sonare=klingen, tönen)

Ja? Respekt. Mir bleibt beim Lesen der Vorbilder von Shakespeare, Gryphius  oder Goethe die Luft weg. Jambus oder Alexandriner als Versmaß, auf jeden Fall aber zwei umarmende Reime in den Quartetten und dann sowas wie cdc/dcd, cde/cde und ccd/eed in den folgenden Terzetten. Außerdem ein Inhalt, deren Bedeutung Jahrhunderte überdauert, angeordnet nach dem Schema These, Gegenthese, Reflexion und Synthese. Bedienungsanleitungen in Chinesisch schrecken mich weniger.

Gemeinsam sind wir stark! Gestern beim Treffen mit Kolleginnen aus der Deutschen Gesellschaft für Poesie- und Bibliotherapie haben wir uns an die Königsdisziplin Sonett und seine poetischen Brüder und Schwestern heran gewagt. Wir stellten fest, auch wir, die von manchen als Fachleuten fürs Schreiben gesehen werden, sind nicht frei von Schulaltlasten.

Damals im Klassenraum konnten die Lehrer uns mit Versmaß und Reimschema vielleicht vom eigenen Schreiben abhalten. Heute ist das anders. Heute kennen wir Mittel und Wege, um unsere Kreativität unter den Anweisungen und Verboten („Das reimt sich ja gar nicht“) hervor zu locken. Das ist es vielleicht, was uns zu Fachleuten macht – nicht etwaige literarische Höchstleistungen, sondern weil wir Menschen wieder Lust auf Schreiben und auf die eigene Kreativität machen.

Eine Übung hat mir gestern besonders Spaß gemacht. Wir folgten dem Vorbild von Pablo Neruda, der eine „Ode an die Pommes Frites“ geschrieben hat – ihr könnt ja mal googlen). Von der vornehmen Formulierung Ode ließen wir uns zu gediegenen Ausdrücken hinreißen, nicht aber zu Versmaß und festem Reimschema (das verdirbt den Spaß leicht). Hier die Anleitung zum Nachmachen, für alle, die Lust auf ein bisschen Schreibspaß haben:

  1. Sucht Euch ein Lieblingsnahrungsmittel oder Getränk aus.
  2. Schließt einen Moment die Augen, atmet tief ein und aus, erforscht das Nahrungsmittel in der Phantasie mit allen Sinnen (Augen, Ohren, Nase, Mund, Hände)
  3. Schreibt Eure Eindrücke im Freewriting auf (fünf bis sieben Minuten)
  4. Nun lest Euren Text und schreibt daraus eine Ode an Eure Leibspeise. Guten Appetit!

Hier ein Beispiel von mir – damit die Latte nicht zu hoch liegt:

Ode an den Salat

Grün bist Du wie das Leben
vorbildlich, nachhaltig, köstlich
sollst leicht sein, nicht belasten, aber anregen

Dich gut zu zermahlen ist Pflicht
je länger, je lieber – ist gut für den Magen
denn Wiederkäuen können wir nicht

kommst meist in herrlichem Gewand
Sahne geht,  Joghurt ist leichter
besser Öl, Essig oder Schmand

Paradeiser und Gurke machen Dich köstlich
eine Schüssel voll Wiese samt Blumen für mich
Minze und Zitronengras dazu:  fernöstlich

oder griechisch, mit frisch aus der Ziege
geschöpftem Käse plus Feige – ein Gedicht
zusammen mit Dir: meine ganz große Liebe

 

 

 

 

 

„Wusst‘ ich’s doch!“

… dieser Satz gehört nicht gerade zu meinen Lieblingssätzen. Vor allem, wenn er von anderen kommt und auf meine Versäumnisse und Fehler aufmerksam macht. Heute morgen aber habe ich genau diese Worte gedacht. Und entschieden. Stimmt. Ich hab’s gewusst.

Ich las ein Interview mit dem Philosophen Ralf Konersmann (Psychologie Heute, 01/2016), der meint: Moderne Menschen haben die Unruhe rehabilitiert, ja in den Adelsstand erhoben und sind abhängig von ihr geworden.

Das sei nicht immer so gewesen: „Die längste Zeit war die Unruhe ein Verhängnis. Und heute stehen wir da und sagen: bloß keinen Stillstand, bloß keine Stagnation. Wir würden es ohne die Unruhe gar nicht mehr aushalten.“

Und weil die Betriebsamkeit, das „geistlose Nach-vorn-Stürmen“ so unangenehm ist und uns krank machen kann, sehnen wir uns alle so nach der Seelenruhe.

Wobei auch wiederum Vorsicht geboten sei, sagt Konersmann, vor der „schlechten Ruhe“, die aus Trägheit bestehe. Davor habe etwa Seneca gewarnt. Aber das nur am Rande. Denn die meisten Menschen um mich her, sind meilenweit von stumpfem Sich-Gehen-Lassen entfernt, insbesondere in der Weihnachtszeit.

Und nun die wirklich gute Nachricht: Alle, die gerne schreiben, haben ihr Wundermittel gegen die Unruhe in der Tasche: Einen Stift. Papier ist auch oft nicht weit und damit die Aussicht auf innere Ruhe.

Konersmann: „Wenn man gern und viel schreibt, mindert sich das Problem … . Da bildet sich so ein überschaubarer Mikrokosmos, das hat beruhigende Wirkung. Und die großen Schreiber haben immer gewusst, dass der Schreibprozess ein Ordnungs- und Orientierungs- und in diesem Sinne auch ein Beruhigungsprozess ist.“

Ich bin zwar nur eine kleine Schreiberin (kein großer Schreiber) aber die Wirkung kenne ich – Schreiben zentriert – und erlaube mir ausnahmsweise, meinen Eingangssatz zu wiederholen: „Wusst‘ ich’s doch.“

Euch viel Spaß beim Schreiben, Ordnen und Ruhe finden!