Archiv der Kategorie: Coaching und Schreiben

Produktive Grenzen

Gerade las ich einen Blog-Beitrag meiner lieben Coaching-Kollegin Daniela Reiter und war selig: Danke, Daniela! Danke für Deine Zeilen, in denen Du mir bestätigst, dass ich nicht die einzige bin, die von den vielen modernen Kommunikationskanälen gelegentlich überfordert ist.

Email, Whatsapp, SMS, Telefon, Zoom.us-Meetings, Skype-Verabredungen. Allein das Tippen der Aufzählung dauert schon 30 Sekunden, wie viel länger dauert es dann, alle Kanäle im Blick zu behalten und zu bedienen? MEHR

 

Das Leben ist besser mit Hund

„Life is good … but better with a friend“ steht auf dem Faltblatt, das meine liebe Freundin Johanna mir aus Santa Fé geschickt hat.

Nicht nur, dass man dort offensichtlich die Bremer Stadtmusikanten kennt – allerdings in einer morbideren Version (siehe Bild), mehr

 

 

 

 

 

Die wichtigste Beziehung unseres Lebens

Ich schlage morgens um sieben meine Augen auf und sehe das Meer. Stahlblau und sonnenbeschienen liegt es vor mir, der Sandstrand erstreckt sich bis kurz unterhalb meines Fensters, eine Promenade von zehn Metern Breite trennt mich von ihm.

Die Wellen rauschen leise, unaufdringlich, ich schließe die Augen, atme, meine Brust weitet sich, expandiert, Rippen und Zwerchfell werden von der Salzluft gestreichelt. Meine Stirnhöhle ist frei. Ultimatives Glück.

Wenn ich zum zweiten Mal die Augen öffne, bin ich zuhause, in meinem Zimmer in Bremen. Mein Tagwerk wartet. Ich will zurück ans Meer.

Dort war ich für vier Tage, um Schreiben für die Seele, einen Workshop, zu geben. Wir schrieben zu siebt, im graublau gestrichenen Trauzimmer an der Kurpromenade: ein dunkler Holzboden unter uns, gediegener schwerer Tisch unter unseren Heften. Wenn wir den Kopf heben, sehen wir das Wasser draußen, die Sonne und Möwen.

An dem Tisch, an dem wir schreiben, sitzen sonst die Pärchen …. MEHR

Gute Vorsätze, Hunde und heilsame Drogen

In diesem Moment müsste ich die Literatur für eine überfällige Broschüre auflisten, damit ich sodann meiner Tochter Frühstück machen und danach meinen Sohn wie ausgemacht bei seinem Freund abholen kann.

Und was tue ich statt dessen? Ich schreibe Euch diesen Blog-Beitrag. Nicht, weil ich mich vor irgendeiner meiner Pflichten drücken wollte – ich freue mich auf die fertige Broschüre, Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit am Tag und meinen Sohn will ich natürlich auch nach Hause holen.

Ich schreibe, weil ich muss.  Es ist meine Droge. „Wenn Sie nicht täglich schreiben, sammelt sich das Gift der Wirklichkeit in Ihnen, und Sie beginnen zu sterben oder durchzudrehen. Oder beides“, sagt Ray Bradbury, Bestseller Autor. Recht hat her.

Zum Glück ist Schreiben eine heilsame Droge.

Dazu kommt, dass ich vor Jahresende noch das idyllische Hundebild zurecht rücken will, das ich im vergangenen Beitrag gezeichnet habe. Bevor Ihr Euch alle (zum Beispiel K. aus H.) sofort einen Hund anschafft. BITTE HIER WEITER LESEN

 

Wie Fron*-Dienste froh machen können

Morgens, halb sieben in Deutschland: ein Berg Porzellanschälchen, schön klebrig vom warmen Morgenbrei, tiefe – einst weiße – Teller rot fleischig gesprenkelt von der Bolognese, die mal drauf war, dazwischen ein paar steinharte Nudeln vom Vortag, Kaffeegläser, an deren Wand sich die Milchhaut wie bräunlicher Schorf abgelagert hat …

Ich will Euch nicht das Gruseln beibringen, obwohl das amerikanische Importfest Halloween dazu einlädt. Sondern erzählen, wie ich meine morgendliche Strafarbeit in der Küche mit poetischer Kompetenz in eine lustvolle Tätigkeit umgewandelt und noch dazu eine Erkenntnis gewonnen habe.

Zum Hintergrund: Ich habe morgens selten schlechte Laune, es sei denn, ich muss noch im Halbschlaf die Küche aufräumen, Mülleimer säubern und Essensreste aus Tellern schaben. Wieso immer ich?, frage ich mich. Warum können die Kinder die Teller nicht abspülen? Und wo ist eigentlich mein Mann?

Und eine Nörgelei nach der anderen reiht sich in eine lange Schlange von Nörgeleien ein, die meist eine ebenso lange Schlange Gemecker oder Gejammer nach sich zieht: „Die Tochter von X muss das auch nie machen“, „Ich hab aber meinen Teller abgespült!“ „Ich muss immer viel mehr helfen als mein Bruder/meine Schwester“. Und dann stehe ich am nächsten Morgen wieder vor einem Berg Porzellanschälchen, Kaffeegläsern, Tellern …

Vielleicht wollte heute ja ein guter Traum aus der Nacht noch zu ende geträumt werden, vielleicht hatte ein Teil von mir auch keine Lust mehr, sich zu ärgern, auf jeden Fall entspann sich in meinem Kopf wie von selbst diese Geschichte, die sich dann – zu meiner große Überraschung – sogleich in Realität verwandelte.

„Frau Schreiber kommt morgens gut gelaunt  in die Küche, denn sie freut sich schon auf ihre Pflichten: Spülmaschine aus- und einräumen, Spüle säubern, Boden fegen, Mülleimer leeren, säubern, dann Brote schmieren, Wasserflaschen füllen, Hund füttern etc. Doch zunächst: Kaffee kochen. Während er auf dem Herd brodelt, öffnet sie rückenschonend (gerader Rücken, kein Hohlkreuz, Knie über den Füßen) die Spülmaschine, verstaut das saubere Geschirr andächtig in Schränken und Schubladen. Mit Sorgfalt sucht sie sich die Plätze für jedes einzelne Stück aus, stapelt die geliebten ostfriesischen Tassen vorsichtig übereinander – weit weg von Kinderhänden ins oberste Schrankfach. Schön sieht das aus, wie die roten Rosen von den Tassen blühen, während rechts daneben die blauen Teller von Tante A. schon auf den Nachmittagskuchen warten: Vielleicht Apfel mit Sahne?“

Jetzt kommt der wichtigste Teil der Geschichte:

„Wie wundervoll“, denkt die zufriedene Mutter und Ehefrau, dass ich so ganz allein bestimmen kann, wo jedes Teil seinen Platz findet. Niemand sonst, der die Ordnung in den Schränken durcheinander bringen konnte. Jeder Deckel, jedes Utensil findet den Ort, den ich ihm zugedacht habe (und ich muss später nicht danach suchen). Und: Ich freue mich als erste und ausgiebig über die leeren, sauberen Flächen in unserer Wohnküche. Einen Moment hält der Tag inne. Alles auf Anfang. Ganz bewusst genieße ich die Vorstellung, dass ich es war, die Platz dafür gemacht hat, damit meine Familie wieder neue, lebendige Spuren hinterlassen kann.“

Ihr werdet es mir vielleicht nicht glauben – aber an dieser Stelle fühlte ich mich vom Leben beschenkt. Ich war dankbar, dass ich eine Familie habe mit drei, plus Hund vier, mich eingeschlossen fünf Wesen, die mir täglich Arbeit machen. Eine oft ungeliebte Arbeit, die ich heute in neuem Licht sah.  

Im Coaching nennt man ein solches Umdeuten von unangenehmen Situationen Reframing: Dazu sammelt man ungewöhnliche, manchmal auch komische, immer aber positive Aspekte oder Gründe für eine Situation, die einen irritiert, ärgert, nervt. Und oft passiert Folgendes: Die eigene Lage empfindet man gleich als angenehmer, kann ihr vielleicht sogar etwas abgewinnen und sie in Zukunft meist besser für sich gestalten.

Ich glaube, poetische Kompetenz kann genau dasselbe bewirken, nur macht sie mir mehr Spaß. Poetische Kompetenz bedeutet ja, dass wir eine andere, tiefere Dimension vom Dasein erleben und darüber sprechen, Geschichten erzählen oder schreiben. Sie bedeutet, dass wir Zwischentöne hören, Licht am Ende des Tunnels sehen und auf den Regenbogen schauen, wenn es gedonnert hat. Mit poetischer Kompetenz finden wir auch einen Ausdruck  dafür, dass unser Leben einen Sinn, eine Bedeutung hat, für die wir im Alltagstrott meist keinen Blick, geschweige denn Worte haben.

Natürlich fragt sich ein unverbesserlicher Teil von mir, wie hoch der Geschirrberg sich in Zukunft türmen wird. Doch ich bin zuversichtlich, dass ich mich an meine kleine Story erinnern werde und daran, dass ich meine Fron heute in Freude verwandelt konnte.

*Aus dem Wörterbuch:

Fro̱n
Substantiv [die]
1.GESCHICHTE
körperliche Arbeit als Dienstleistung für den Lehnsherrn.
2.gehoben, übertragen, abwertend
eine als Last empfundene Arbeit.
„Wenn man keine freie Zeit mehr hat, wird die Arbeit zur Fron.“

Zu Gast bei Andrea Klein

Wie das autobiografische und kreative Schreiben in der Wissenschaft und im Studium nützen kann, dazu schreibe ich heute im Blog von Dr. Andrea Klein „Wissenschaftlich Arbeiten lehren“.

Als Andrea Klein mich um den Beitrag bat, wusste ich zunächst gar keine Antwort. Zu offensichtlich erschien mir, dass Studieren und wissenschaftlich Arbeiten ohne den Spielraum des privaten Schreibens schwer gelingen kann. Die Tür zu den vielen Spielräumen des Schreibens – den Flucht-, Möglichkeits-, Kraft-, Traum- und Welträumen – öffne ich in meinem Schreibratgeber „Schreiben zur Selbsthilfe“.

Schließlich kam ich doch auf differenziertere Antworten für Andrea Klein, und die könnt Ihr heute hier lesen.

Zu meiner Gastgeberin: Dr. Klein lehrt wissenschaftliches Arbeiten an der Internationalen Berufsakademie F+U Unternehmensgruppe, an Fachhochschulen und Universitäten. Sie hat ein didaktisches Konzept entwickelt, in dem die individuelle Motivation der Studierenden als zentrale Entwicklungsquelle genutzt wird. In ihrem aktuellen Buch „Wissenschaftliche Arbeiten schreiben“ gibt Klein Anleitungen und über 100 Software-Tipps.

Nur keine Eile

Erinnert Ihr Euch an das Faultier „Flash“ aus dem Trickfilm „Zoomania“? Und an die kleine Polizei-Häsin Judy Hopps, die laut einer Rezension „das Gute will und Chaos stiftet“. Gut. (Wenn nicht –>Link klicken und Trailer schauen). Gerade eben bin ich diese Judy Hopps, die just am Faultier „Flash“ – getarnt als Angestellte eines Bäckereifachgeschäftes – verzweifelt ist.

Und nicht nur ich, die Leidensgenossen, in der von einem auf zwei, auf drei und dann auf zehn Menschen anwachsenden Schlange, scharrten je nach Charakter ungeduldig mit den Füßen, klirrten bemüht unauffällig mit Fahrradschlüsseln, betrachteten vielsagend die Raumdecke oder verdrehten ganz unverblümt die Augen.

„Flash“, mit blondem Zopf und schickem Schirmmützchen, hatte im Schneckentempo den Kaffee in einen Becher gefüllt, wie in Zeitlupe das Croissant in eine Tüte befördert und betätigte nun in Seelenruhe einen Knopf, so dass sich die Kasse öffnete, in die sie dann – laaangsaaam – hineingriff, um noch laaangsaamer eine Münze herauszunehmen, die sie dann am allerlaangsamsten der Frau vor mir in die Hand legte. Die sagte grimmig „Danke“ und rannte buchstäblich aus dem Geschäft zur Straßenbahn. „Flash“, derweil, lächelte allerliebst.

Gründe fürs Schreiben? Brauche ich nicht zu suchen. Seht Ihr ja. Die Gründe drängen sich auf. An manchen Tagen ist es schwer, etwas anderes zutun, als zu schreiben, weil so viele Erlebnisse abgelegt, geordnet, und in Karl-Valentin-Manier verarbeitet werden wollen. Valentin wusste: „Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.“

Und wenn mal nichts passiert, gibt es meine kostbare Sammlung von „Sprungbrett-Fragen und -Satzanfängen“, die zum Eintauchen ins Schreiben anregen. Etwa dieser Beginn: „Wenn ich ganz ehrlich wäre, würde ich sagen …“. Ich liebe dieses Sprungbrett. Es fordert dazu auf,  die Hüllen fallen zu lassen. Heute darf ich mich also zu Ungeduld, Anstrengung, aber auch zu Liebe und meinen Zielen für den Tag bekennen. Um ihnen offen und neugierig nachzuspüren. Gespannt, wohin sie führen. Auf jeden Fall zu mehr Ehrlichkeit und Selbstkenntnis.

Auch für abends gibt es Fragen, die das Leben mit mir selbst spannend machen. Weil ich immer etwas Neues entdecke. Eine von drei Fragen für die Zeit vor dem Schlafengehen lote ich hier mal schon morgens aus: Wer war heute mein Lehrer, meine Lehrerin?

Sollte womöglich diese blonde „Flash“/Verkäuferin mir etwas zu sagen haben? Es drängen sich auf: Eile mit Weile; was lange wärt, wird endlich gut (was für den Kaffee, den sie mir verkauft hat, im übrigen stimmt).

Sie erinnert mich auch an mein Zeitmanagement-Seminar mit dem Titel: Wer schnell sein will, muss langsam gehen. An den Satz glaube ich – wenn ich nicht gerade zu einem Termin muss und noch kein Frühstück hatte.

Erinnerungen daran, dass der Satz stimmt, gab es für mich in letzter Zeit viele: Habe ich mir doch erst vor acht Wochen einen Bänderriss zugezogen, als ich in höchster Eile die regennassen Stufen vor unserem Haus hinunterstürzte. Wie einige Monate zuvor übrigens an gleicher Stelle meine Freundin M.. Also bitte Vorsicht, wenn Ihr mich demnächst mal schnell besuchen wollt.

So jetzt wird es aber doch Zeit, mit dem Tagwerk zu starten. Nach diesem heilsamen Umweg über meinen Blog, fällt es mir leichter. Und der blonden Verkäuferin alias „Flash“ danke ich für Ihre Lektion an mich und dafür, dass sie trotz der ungeduldigen Kundenmeute besonnen und freundlich geblieben ist – und den Kaffee nicht verschüttet hat.