Archiv der Kategorie: Das Ich

Glück ist eine Insel

Dieser Satz ist der Titel eines Films. Worum es darin geht, weiß ich leider nicht. Was ich dagegen weiß ist: Er stimmt. Und weil er sich dieses Wochenende für mich wunderbarerweise bewahrheitet hat, muss er nun als Blog-Titel herhalten, geklaut hin oder her.

Bevor ihr weiterlest, muss ich eines klarstellen: Es geht nicht um das Welt-bewegende-für immer-und-ewig-Glück;
es geht auch nicht um das machbare Glück, das wir positiv herbei denken, meditieren oder mit Dankbarkeit einladen können.
Es geht vielmehr um das kleine geschenkte Glück an Orten oder mit Menschen, die uns guttun. Und die sich einfach so in unser Leben drängeln. Zum Glück.

Eine Begegnung mit diesem Glück war noch am Donnerstag morgen keinesfalls absehbar gewesen. Mehr lesen

Schutzkreis

Es gibt eine Schreibmethode aus den USA mit einem unaussprechlichen Namen (Propriozeptive Writing), die ich im Deutschen Selbsthören genannt habe. In der geht es darum, der eigenen Stimme zu lauschen und aufzuschreiben, was wir hören. 25 Minuten lang, mit Kerze an, zu Barockmusik (warum, wieso, weshalb ist bei Linda Trichter-Metcalf und Toby Simon nachzulesen – oder in Schreiben zur Selbsthilfe). Auf jeden Fall habe ich bei diesem Schreiben innere Wesen entdeckt, Anteile von mir, die nicht laut sind und die ich nicht höre, wenn ich in der Welt stehe und mich behaupte oder gerade mal wieder einen Schutzkreis ziehe.
Ich bin so dankbar, diese Wesen im Inneren gefunden zu haben, sie bewahren jugendliche Anteile, Kreativität, Verspieltheit, Keckheit. Mein Schutzkreis hat gewirkt, ohne dass ich es wusste. Jetzt, da ich diese Anteile kenne, spreche ich mit ihnen, heute morgen zuletzt, und sie geben mir Tipps oder weisen mich zurecht. Ich kann ihre Meinungen gut annehmen. Sie sind ja meine eigenen und die helfen mir in der Welt da draußen.
Langer Rede kurzer Sinn: Es lohnt sich zu schauen, was wir schon geschützt haben und was überlebt hat – unbemerkt von uns. was uns ausmacht und lebendig hält. Vielleicht findet Ihr Eure Stimme und leisere Anteile, wenn Ihr meine Schreibeinladung für heute annehmt:

25 Minuten Selbsthören: Kerze an, Vivaldi streamen und nach innen lauschen. Dann losschreiben. Immer wieder die eigenen interessanten Sätze hinterfragen: Was meine ich mit …? So kommen wir uns immer mehr auf die Spur.
Nach 25 Minuten Musik aus, ein Fazit ziehen: Was war mein Thema? Was habe ich noch nicht gesagt? Worüber will ich das nächste Mal weiter schreiben? Wie geht es mir nun?
Kerze löschen und ganz bei sich sein.

Danke an Friederike Hermanni für Ihre feine Lyrik und die Anregung.

Die wichtigste Beziehung unseres Lebens

Ich schlage morgens um sieben meine Augen auf und sehe das Meer. Stahlblau und sonnenbeschienen liegt es vor mir, der Sandstrand erstreckt sich bis kurz unterhalb meines Fensters, eine Promenade von zehn Metern Breite trennt mich von ihm.

Die Wellen rauschen leise, unaufdringlich, ich schließe die Augen, atme, meine Brust weitet sich, expandiert, Rippen und Zwerchfell werden von der Salzluft gestreichelt. Meine Stirnhöhle ist frei. Ultimatives Glück.

Wenn ich zum zweiten Mal die Augen öffne, bin ich zuhause, in meinem Zimmer in Bremen. Mein Tagwerk wartet. Ich will zurück ans Meer.

Dort war ich für vier Tage, um Schreiben für die Seele, einen Workshop, zu geben. Wir schrieben zu siebt, im graublau gestrichenen Trauzimmer an der Kurpromenade: ein dunkler Holzboden unter uns, gediegener schwerer Tisch unter unseren Heften. Wenn wir den Kopf heben, sehen wir das Wasser draußen, die Sonne und Möwen.

An dem Tisch, an dem wir schreiben, sitzen sonst die Pärchen …. MEHR

Gute Vorsätze, Hunde und heilsame Drogen

In diesem Moment müsste ich die Literatur für eine überfällige Broschüre auflisten, damit ich sodann meiner Tochter Frühstück machen und danach meinen Sohn wie ausgemacht bei seinem Freund abholen kann.

Und was tue ich statt dessen? Ich schreibe Euch diesen Blog-Beitrag. Nicht, weil ich mich vor irgendeiner meiner Pflichten drücken wollte – ich freue mich auf die fertige Broschüre, Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit am Tag und meinen Sohn will ich natürlich auch nach Hause holen.

Ich schreibe, weil ich muss.  Es ist meine Droge. „Wenn Sie nicht täglich schreiben, sammelt sich das Gift der Wirklichkeit in Ihnen, und Sie beginnen zu sterben oder durchzudrehen. Oder beides“, sagt Ray Bradbury, Bestseller Autor. Recht hat her.

Zum Glück ist Schreiben eine heilsame Droge.

Dazu kommt, dass ich vor Jahresende noch das idyllische Hundebild zurecht rücken will, das ich im vergangenen Beitrag gezeichnet habe. Bevor Ihr Euch alle (zum Beispiel K. aus H.) sofort einen Hund anschafft. BITTE HIER WEITER LESEN

 

Geschichten, die das Leben schreibt

Thanksgiving ist zwar schon ein paar Wochen vorbei, aber etwas von der verordneten Dankbarkeit ist in mir geblieben. Tatsächlich will ich diese Gewohnheit weiter üben, und nach und nach meine alten Prägungen überschreiben. Ihr wisst ja: Unsere Gene lassen uns Segnungen schnell vergessen, während sie negative Erlebnisse in uns einbrennen wie Brandzeichen auf Pferderücken. Damit wir die Stelle im Wald auch ja meiden, an der wir ganz, ganz, ganz früher beinahe vom Säbelzahntiger zerfleischt worden wären.

Heute habe ich daher zuerst die Todesanzeigen gelesen. Ja, es ist soweit, Frau Schreiber blättert die Tageszeitung von hinten durch, wie meine schon immer achtzigjährige Großtante mit dem Dutt es tat, aus dem – einmal aufgedröselt – weiße Haare bis zum Po herunterflossen. Und diese Erinnerung an die fließenden Haare hat sich eingemeißelt, da ich hinter dem Haarschleier auch einen unbedeckten Po erblickte, als ich achtjährig in ihr Badezimmer stürmte. Für meine Großtante eine Katastrophe. Wir haben dann über Scham gesprochen und ich entdeckte, wie schnell sich eine Kluft zwischen Generationen auftut und wieder schließen kann.

Aber das ist eine andere Geschichte. Geschichten – das ist das Stichwort, auf das ich eigentlich hinaus wollte. „Er begann als Geschäftspartner und wir nehmen jetzt Abschied als Freunde. Ciao“, schreibt ein Giovanni heute in der Todesanzeige über einen Klaus. Er hat ein Bild von einem Segelboot in die Traueranzeige gesetzt. Ich spüre den berühmten Kloß in meinem Hals – nicht nur, weil ich seit gestern linksseitig dicke Mandeln habe. Meine Neugier ist geweckt: Was haben Giovanni und Klaus miteinander erlebt? War Klaus etwa einst ein schnittiger Ex-Matrose, mit blondem Schopf und Seitenscheitel, als er zu Giovanni in die Pizzeria kam, vorzüglich aß und sagte: In diesem Lokal sollte ganz Bremen essen! Ich will Deine Pizza berühmt machen“? Und hat sich dann eine Partnerschaft entwickelt und daraus eine Restaurantkette, mit einem Namen und Gerichten, die heute in aller Munde sind? Nun, so war die Geschichte sicher nicht.

Aber das ist es, was passiert, wenn ich mich anrühren lasse von den Danksagungen der Menschen, die miteinander gelebt haben und bis in den Tod verbunden sind.

„Es wird aussehen, als wäre ich tot, und das wird nicht wahr sein. Und wenn Du Dich getröstet hast wirst du froh sein mich gekannt zu haben … Und Deine Freunde werden sehr erstaunt sein, wenn sie sehen, dass du den Himmel anblickst und lachst.“ Antoine de Saint-Exupéry

Schon beim Lesen dieses Spruchs, der im Weserkurier vertikal neben den Traueranzeigen platziert ist, weiß ich: Diesen Vers möchte ich ans Ende meines Memoirs stellen. Denn beim Schreiben über Leerstellen meiner Kindheit hatte ich meine Mutter neu lieben gelernt, so dass ich dieses Jahr in den Himmel schauen kann und ihr zulächle. Und sie lächelt zurück.

Es sind zu viele Geschichten in der Tageszeitung, als dass ich Euch in diesem Blog alle meine Interpretationen erzählen könnte. „Die Kugel rollt nicht mehr. Wir trauern um unseren Freund … . Deine … Traumtänzer“ oder „Warum? Mit dem Fahrrad über die Alpen war Dein größter Traum. Am Morgen noch viele Worte von Dir …“ und „Papi, ich danke Dir für Alles, was Du mir geschenkt, gegeben und mich gelehrt hast. Ich hoffe, es ist schön bei Dir, wo immer Du jetzt auch bist. …“.

Und dann bedanken sich da etwa Eltern, die schon zwei Kinder haben, für zwei weitere: „Manchmal beschenkt einen das Leben reicher, als man es sich erträumt: Lasse Christopher (2.600 g) und Michel Henry (2460 g).“

Ein besseres Schlusswort kann es für heute ja wohl nicht geben. Eure Birgit Nur noch dies: Wer eigene Geschichten in wohltuender Runde schreiben will, ist herzlich eingeladen zum monatlichen Schreibsalon am Mittwoch, 17.1.17, 18.30 bis 21.30, in der Manufaktur am Emma-Platz, Straßenbahnlinie 6, neben Knigge.

Endlich wieder Regen, Nebel, Glücklich-sein

Mag sein, dass ich da etwas komisch bin. Während die Menschen um mich her klagen, dass ihnen der Bremer Sommer zu kurz war („…. und viel zu kalt, und eigentlich war das ja mal wieder gar nix“) und andere sich beim Herbsturlaub im Süden noch einmal für die dunkle Jahreszeit wärmen („Sonne, Licht, sonst werde ich im November depressiv“), kuschele ich mich in meinen Sessel, mache die Kerzen vor dem Fenster an – und bin glücklich.

„Im Sommer sind alle immer so rastlos“, sagte vorgestern die Frau vom Secondhandladen. „Ich mag die Menschen gelassener lieber“. Das fand ich sehr weise.
Und außerdem sprach sie an, was ich mir vom restlichen Oktober und November erhoffe. Nämlich: selbst etwas gelassener zu werden, etwas langsamer, mich mehr zu besinnen und einzukehren – in gemütlichen Gaststuben ebenso wie in meinem Wohnzimmer und vor allem bei mir selbst.

Kurz: Ich freue mich auf mehr Quality Time für mich. Und die finde ich vor allem beim  Schreiben. So wie jetzt in diesem Blog. Oder beim Date mit mir selbst am Morgen, wenn ich aufschreibe, was ich mir von diesem Tag erhoffe.

Im Schreibtreff mit Gleichgesinnten finde ich dann endlich die Muße, mein Memoir weiter zu überarbeiten. Im Workshop zu meinem Schreibratgeber, nehmen wir uns endlich wieder Zeit, in die eigenen Geschichten einzutauchen – und sie in Seelenstärkung zu verwandeln.

Und plötzlich, so meine berechtigte Hoffnung, finde ich zurück auf meine Spur , die ich in der Sommer-Hektik nur noch aus dem Augenwinkel wahrnehmen konnte. Sie wird bald wieder ein breiter Pfad werden, auf dem es sich – in Regenmantel und Stiefeln – prima durch den Herbst stapfen lässt.

Und mit Glück bleiben dabei auch ein paar sichtbare Spuren zurück …

Ich lade Euch herzlich ein, mit mir schreibend Einkehr zu halten (mehr):

Am 29.10.17 beim „Stärkenden Schreiben über die Vergangenheit“, dem Kurs zum Buch, im Zentrum für Bindungsenergetik, Fedelhören 106, 28203 Bremen; 10 bis 14 Uhr;
Am 11.11. zum monatlichen freien Schreibtreff in der Stadtbibliothek, 10 bis 13 Uhr;
Am 29.11. zum monatlichen Schreibsalon in der Bgm.-Schoene-Str. 12, 28213 Bremen, 18.30 bis 21.30 Uhr.

Oder auf Wangerooge:
Vom 5. bis 7.1.2018, um Eure Wünsche in Worte und Visionen in machbare Ziele zu verwandeln. Atemberaubender Meerblick, Sand, Wind und Wellen inklusive.
Vom 9. bis 11.3.18 zum Schreiben für die Seele – ebenfalls auf W’ooge und mit Panorama-Aussicht auf die Nordsee.