Archiv der Kategorie: Überabeiten

Endlich wieder Regen, Nebel, Glücklich-sein

Mag sein, dass ich da etwas komisch bin. Während die Menschen um mich her klagen, dass ihnen der Bremer Sommer zu kurz war („…. und viel zu kalt, und eigentlich war das ja mal wieder gar nix“) und andere sich beim Herbsturlaub im Süden noch einmal für die dunkle Jahreszeit wärmen („Sonne, Licht, sonst werde ich im November depressiv“), kuschele ich mich in meinen Sessel, mache die Kerzen vor dem Fenster an – und bin glücklich.

„Im Sommer sind alle immer so rastlos“, sagte vorgestern die Frau vom Secondhandladen. „Ich mag die Menschen gelassener lieber“. Das fand ich sehr weise.
Und außerdem sprach sie an, was ich mir vom restlichen Oktober und November erhoffe. Nämlich: selbst etwas gelassener zu werden, etwas langsamer, mich mehr zu besinnen und einzukehren – in gemütlichen Gaststuben ebenso wie in meinem Wohnzimmer und vor allem bei mir selbst.

Kurz: Ich freue mich auf mehr Quality Time für mich. Und die finde ich vor allem beim  Schreiben. So wie jetzt in diesem Blog. Oder beim Date mit mir selbst am Morgen, wenn ich aufschreibe, was ich mir von diesem Tag erhoffe.

Im Schreibtreff mit Gleichgesinnten finde ich dann endlich die Muße, mein Memoir weiter zu überarbeiten. Im Workshop zu meinem Schreibratgeber, nehmen wir uns endlich wieder Zeit, in die eigenen Geschichten einzutauchen – und sie in Seelenstärkung zu verwandeln.

Und plötzlich, so meine berechtigte Hoffnung, finde ich zurück auf meine Spur , die ich in der Sommer-Hektik nur noch aus dem Augenwinkel wahrnehmen konnte. Sie wird bald wieder ein breiter Pfad werden, auf dem es sich – in Regenmantel und Stiefeln – prima durch den Herbst stapfen lässt.

Und mit Glück bleiben dabei auch ein paar sichtbare Spuren zurück …

Ich lade Euch herzlich ein, mit mir schreibend Einkehr zu halten (mehr):

Am 29.10.17 beim „Stärkenden Schreiben über die Vergangenheit“, dem Kurs zum Buch, im Zentrum für Bindungsenergetik, Fedelhören 106, 28203 Bremen; 10 bis 14 Uhr;
Am 11.11. zum monatlichen freien Schreibtreff in der Stadtbibliothek, 10 bis 13 Uhr;
Am 29.11. zum monatlichen Schreibsalon in der Bgm.-Schoene-Str. 12, 28213 Bremen, 18.30 bis 21.30 Uhr.

Oder auf Wangerooge:
Vom 5. bis 7.1.2018, um Eure Wünsche in Worte und Visionen in machbare Ziele zu verwandeln. Atemberaubender Meerblick, Sand, Wind und Wellen inklusive.
Vom 9. bis 11.3.18 zum Schreiben für die Seele – ebenfalls auf W’ooge und mit Panorama-Aussicht auf die Nordsee.

Nur keine Eile

Erinnert Ihr Euch an das Faultier „Flash“ aus dem Trickfilm „Zoomania“? Und an die kleine Polizei-Häsin Judy Hopps, die laut einer Rezension „das Gute will und Chaos stiftet“. Gut. (Wenn nicht –>Link klicken und Trailer schauen). Gerade eben bin ich diese Judy Hopps, die just am Faultier „Flash“ – getarnt als Angestellte eines Bäckereifachgeschäftes – verzweifelt ist.

Und nicht nur ich, die Leidensgenossen, in der von einem auf zwei, auf drei und dann auf zehn Menschen anwachsenden Schlange, scharrten je nach Charakter ungeduldig mit den Füßen, klirrten bemüht unauffällig mit Fahrradschlüsseln, betrachteten vielsagend die Raumdecke oder verdrehten ganz unverblümt die Augen.

„Flash“, mit blondem Zopf und schickem Schirmmützchen, hatte im Schneckentempo den Kaffee in einen Becher gefüllt, wie in Zeitlupe das Croissant in eine Tüte befördert und betätigte nun in Seelenruhe einen Knopf, so dass sich die Kasse öffnete, in die sie dann – laaangsaaam – hineingriff, um noch laaangsaamer eine Münze herauszunehmen, die sie dann am allerlaangsamsten der Frau vor mir in die Hand legte. Die sagte grimmig „Danke“ und rannte buchstäblich aus dem Geschäft zur Straßenbahn. „Flash“, derweil, lächelte allerliebst.

Gründe fürs Schreiben? Brauche ich nicht zu suchen. Seht Ihr ja. Die Gründe drängen sich auf. An manchen Tagen ist es schwer, etwas anderes zutun, als zu schreiben, weil so viele Erlebnisse abgelegt, geordnet, und in Karl-Valentin-Manier verarbeitet werden wollen. Valentin wusste: „Jedes Ding hat drei Seiten, eine positive, eine negative und eine komische.“

Und wenn mal nichts passiert, gibt es meine kostbare Sammlung von „Sprungbrett-Fragen und -Satzanfängen“, die zum Eintauchen ins Schreiben anregen. Etwa dieser Beginn: „Wenn ich ganz ehrlich wäre, würde ich sagen …“. Ich liebe dieses Sprungbrett. Es fordert dazu auf,  die Hüllen fallen zu lassen. Heute darf ich mich also zu Ungeduld, Anstrengung, aber auch zu Liebe und meinen Zielen für den Tag bekennen. Um ihnen offen und neugierig nachzuspüren. Gespannt, wohin sie führen. Auf jeden Fall zu mehr Ehrlichkeit und Selbstkenntnis.

Auch für abends gibt es Fragen, die das Leben mit mir selbst spannend machen. Weil ich immer etwas Neues entdecke. Eine von drei Fragen für die Zeit vor dem Schlafengehen lote ich hier mal schon morgens aus: Wer war heute mein Lehrer, meine Lehrerin?

Sollte womöglich diese blonde „Flash“/Verkäuferin mir etwas zu sagen haben? Es drängen sich auf: Eile mit Weile; was lange wärt, wird endlich gut (was für den Kaffee, den sie mir verkauft hat, im übrigen stimmt).

Sie erinnert mich auch an mein Zeitmanagement-Seminar mit dem Titel: Wer schnell sein will, muss langsam gehen. An den Satz glaube ich – wenn ich nicht gerade zu einem Termin muss und noch kein Frühstück hatte.

Erinnerungen daran, dass der Satz stimmt, gab es für mich in letzter Zeit viele: Habe ich mir doch erst vor acht Wochen einen Bänderriss zugezogen, als ich in höchster Eile die regennassen Stufen vor unserem Haus hinunterstürzte. Wie einige Monate zuvor übrigens an gleicher Stelle meine Freundin M.. Also bitte Vorsicht, wenn Ihr mich demnächst mal schnell besuchen wollt.

So jetzt wird es aber doch Zeit, mit dem Tagwerk zu starten. Nach diesem heilsamen Umweg über meinen Blog, fällt es mir leichter. Und der blonden Verkäuferin alias „Flash“ danke ich für Ihre Lektion an mich und dafür, dass sie trotz der ungeduldigen Kundenmeute besonnen und freundlich geblieben ist – und den Kaffee nicht verschüttet hat.

„Es ist da“

An meinem Geburtstag erhielt ich die Ankündigung: Ihr Buch ist auf dem Weg zu Ihnen. „Wirklich? Tatsächlich? Endlich?“

Und tatsächlich: Es ist da!

Mein Ratgeber „Schreiben zur Selbsthilfe – Worte finden, Glück erleben, gesund sein“ (Springer 2017) ist gedruckt. Darin findet Ihr die Schlüssel für das Haus des heilsamen Schreibens und eine Führung durch seine vielen Möglichkeitsräume. Ich stelle sie vor, mit Übungen und Belegen aus der Forschung:  Trost-, Kraft-, Spiel-, Ruhe-, Entfaltungs-, Heil-, Traum- oder auch Welträume. Und Anleitungen fürs Memoir-Schreiben und für  die amerikanische Journal Therapy gibt es auch. Kurzum: Schreibräume für jede Lebenslage. Ihr habt die Wahl!

Was für ein Gefühl?!

Gute Frage – bei aller Freude, bei allem Stolz und bei allem Elan, mit dem ich nun nach der Geburt des Buchbabys in die Elternphase starte, bin ich auch bange: Ob es seinen Weg machen wird?
Ist das Cover nicht doch zu schlicht? Der Umfang angesichts all der Ideen nicht doch knapp? Hätte ich ihm noch mehr mitgeben können? Mehr Theorie? Oder weniger? Andere Übungen? Mehr Übungen? Weniger?

„Es findet sein Publikum“, sagt meine Lektorin. Zuversichtlich, unerschütterlich.

„Es ist toll verarbeitet, hochwertiges Papier, gut produziert“, sagt ein befreundeter Drucker.

„Größe und Dicke sind genau richtig; es lässt sich super mitnehmen“, findet eine Freundin.

„Ist es endlich da? Wir warten schon darauf“, sagt meine Geleitwort-Schreiberin Johanna Vedral vom „Writers Studio“ in Wien, überzeugt, liebevoll. Sie ist Patentante des Buches und die beste Begleiterin, die sich eine Autorin auf dem Weg zur Veröffentlichung vorstellen könnte.

„Ich kann es kaum erwarten“, sagt eine Korrekturleserin, die sich gleich zum Insel-Seminar anmeldet, weil das Buch sie überzeugt hat.

Und die Buchhändlerin, die für die Lesung am 23. Mai in der Stadtbibliothek Bücher liefern soll, gratuliert mir „aufs Allerherzlichste. Ist doch ein tolles Gefühl, oder?“

Doch das tolle Gefühl lässt noch auf sich warten.

Bis eine Teilnehmerin beim Schreibtreff sagt: „Das Buch ist genau wie Du: Ich fühle mich sicher geführt, inspiriert und kompetent unterstützt“. – Oh, wow.

Und H. aus N. schickt mir diese Mail:

„Liebe Birgit,
ich habe heute früh gleich eine der Anregungen aus Deinem neuen Buch „Schreiben zur Selbsthilfe“ aufgenommen. Und in Windeseile ein paar Wünsche formuliert. Außerdem mein angefangenes Foto-Text-Projekt erneut in Schwung gebracht.“

DANKE, jetzt ist das Gefühl da. Und das verdanke ich Euch allen, die mich zum Buch inspiriert haben. Was für ein Gefühl.

„Öff, öff“ – oder was Schweine und Schreiben miteinander zu tun haben

Wer von Euch kennt Wutz, das sprechende Hausschwein, Pflegemutter des Urmel, wohnhaft auf der Insel Titiwu? Autor Max Kruse hat die „Schweinedame“ erfunden und ihr  Wortgewalt gegeben. Nur das „Öff, öff“, eine Art Grunzen am Satzbeginn, erinnert an Wutz‘ tierisches Erbe – ansonsten ist sie menschlicher als mancher Mensch.

Schweine sind klug. Das beweist nicht nur die fiktive Wutz, sondern auch die ganz realen Ferkelchen im Bürgerpark, die mich bei meinen Besuchen wissend anblinzeln und  lustig im Schweinsgalopp über den eisigen Matsch hoppeln. Die Tiere strahlen Lebensfreude aus und wecken meine Wehmut: Wenn sie sich im Dreck suhlen, denke ich an glückliche Tage meiner Kindheit auf dem Lande.

Ausgewachsene Schweine wecken dagegen eher traurige Erinnerungen. Meine Mutter nannte meinen längst verstorbenen Vater mit Kosenamen „Schweinchen“, wegen seiner strahlend-blauen, blitzenden Schweinsäuglein. Auch an ihn muss ich denken, wenn ich die schwarz-weißen Gesellen im Bürgerpark beobachte.

Das tut meiner Schweineliebe keinen Abbruch. Ein geflügeltes silbernes Schweinchen an einer Kette soll mir Glück in schwierigen Situationen bringen. Ich bewahre es in einer Porzellanschale auf, die ich, sorgfältig verpackt, eigens aus dem fernen L.A. im Handgepäck nach Hause transportiert habe: Die Schale ist – natürlich – mit einem geflügelten Schwein verziert.

Das erste vorgeburtliche Geschenk an meine Tochter ist ein riesen rosa Schweinekissen. Mittlerweile gibt es mindestens fünf weitere kuschelige Stoffschweine unterschiedlicher Größe und Form in unserem Haus, von denen immer eines in meiner Nähe weilt, um für Glück zu sorgen. Und nun der ultimative Beleg für meine ganz spezielle Tierliebe: Zu Weihnachten steht nicht etwa ein nach Tannen duftender, bunt geschmückter Adventskranz auf dem Tisch, sondern ein großes Holzschwein mit vier Kerzen. Überzeugt?

Es versteht sich von selbst, dass ich aus Nächstenliebe kein Schweinefleisch esse. Was nicht heißt, dass ich Marzipanschweinen widerstehen kann. Das Gegenteil ist wahr. Auch für mich sind bestimmte Schweine zu Weihnachten und Silvester reine Nutztiere.

Und demnächst könnte das sogar ganzjährig gelten; denn wir haben dem Begriff Nutztier am vergangenen Samstag im Schreibtreff eine neue Dimension hinzugefügt, die gänzlich ungefährlich für Leib und Leben der Schweinchen ist.

„Hmmh, das ist ja nicht so gut gelungen, ich weiß gar nicht, ob ich das vorlesen soll, ich kann das nicht so gut wie ihr, mir fällt immer gar nichts ein …“. Sätze wie diese haben wir wohl alle schon mal gesagt, obwohl wir dank Hemmingway und aus Erfahrung wissen, dass „shitty first drafts“ unbedingt nötig sind und Selbstzweifel und Unsicherheit uns beim Schreiben blockieren. In Schreibrunden können Selbstbezichtigungen manchmal sogar nerven, etwa wenn alle sich vor dem Vorlesen erstmal vielmals für Ihren Text entschuldigen.

„Für jede Selbstabwertung werfen wir ab jetzt 50 Cent in eine Spardose!“, schlug eine Teilnehmerin  vor. „Und den Erlös spenden wir! Dann sind unsere Selbstzweifel wenigstens zu etwas gut“, überlegte ich gerade,  als die Teilnehmerin den Namen des  neuen Gruppenmitglieds verkündete: „Wir nennen es: Das „Zensor-Schwein“.

Über die Aufzucht und Pflege des „Zensor-Schweins“ wird in Zukunft noch zu reden sein. So ist es nicht sicher, ob es sich beim „Zensor-Schwein“ um eine reale Sparbüchse oder doch eher um ein geflügeltes Schwein, äh Wort, handeln wird. Allein die Wortschöpfung „Zensor-Schwein“ verspricht großen Nutzen. Sie wird uns daran erinnern, routinemäßig die Perlen in unseren saumäßigen Rohtexten zu sehen: „Öff, öff“!“

 

Schreibräume

Es funktioniert. Zeit und Ort festlegen, hingehen und hinsetzen, Timer an und los schreiben. Hat eben wieder super geklappt. Und ich bin super happy.

Anberaumt war ein Memoir-Schreibtreff von 10 bis 13 Uhr in der hiesigen Stadtbibliothek. Gekommen war niemand – außer mir. Eine Frau erkältet, eine andere bei der Arbeit, der dritte hat den Termin wohl vergessen, eine vierte hat diesen Samstag keine Zeit, die fünfte keine Lust …

Egal. Schreibräume entstehen, weil ich sie mir schaffe. Das geht mit anderen zusammen natürlich noch leichter, wie sich beim gut besuchten Schreibtreff davor gezeigt hatte. Dann bekommt man außerdem Resonanz auf eigene Texte, gute Tipps fürs Weiterschreiben, eine Idee, eine Ergänzung, einen Schluss-Satz. Aber es geht auch allein.

Heute habe ich wieder gespürt, wie gut diese Selbstverpflichtungen tun. Und dass sie mir helfen, den Schweinehund zu überwinden, wenn unliebsame Überarbeitungen anstehen oder schwierige Szenen zu schreiben sind. Drei Stunden Lektorat vergingen gerade wie im Flug. Und dann noch eine produktive halbe Stunde für ein Freewriting einer Memoir-Szene. Klasse.

Das gute Gefühl, mein Schreibdate mit mir selbst eingehalten zu haben, ist schwer zu toppen. Es steigert mein Vertrauen in mich als Autorin, und ja, ich benutze dieses Wort mittlerweile mit Überzeugung.  Es steigert meine Produktivität, denn manchmal braucht es einfach Zeit, um einen Text besser zu machen. Nicht Genie, nicht den Kuss der Muse, kein Koffein und auch keine besondere Intelligenz – sondern einfach nur Zeit und einen Schreibraum.

Den verlasse ich nun ins wohlverdiente Wochenende. Morgen feiern wir zuhause Thanksgiving mit Freumilie (Freunde und Familie). Ich werde für vieles dankbar sein – unter anderem für wunderbare Schreibräume und – stunden.

PS: Der nächste Schreibraum für autobiographische Projekte öffnet sich am 14.12., 16 bis 19 Uhr, in der Stadtbibliothek Bremen. Herzlich willkommen!

 

Wieder was gelernt

„After you learn how to truly observe the life you live, the result may be excellence – in both the writing and in the living“ (Marion Roach, The Memoir Project).

Es sind nur 114 Seiten, auf denen die Journalistin Marion Roach erklärt, worauf es beim Memoir-Schreiben ankommt: auf die kleinen Dinge im Leben. „Small things“, die viel Größeres illustrieren. Damit hat sie mich überzeugt.

Kleine Dinge hin oder her, Roach sagt auch,  dass wir in unseren Memoirs die großen Themen ansprechen müssen, dürfen und können – mit unseren ganz persönlichen Geschichten. Und dass wir bereit sein müssen, beim Überarbeiten „auf Verlangen zu töten“, ja, sie schreibt tatsächlich von „murder on demand“.

Weg muss alles, was nichts zum Thema beiträgt, alle heiß geliebten Anekdoten, die unsere Geschichte nicht voranbringen, alle Personen, die nichts mit der Botschaft zu tun haben, mit unserer Kernthese, dem THEMA unseres Buches.

Dieses Thema finden wir Roach zufolge übrigens, in dem wir die folgende Formel ausfüllen: „Dies ist die Geschichte von Y, und sie wird illustriert durch X.“
Y ist das große Thema (z.B. die Geschichte des Erwachsenwerdens) und X ist das Beispiel, das wir mit unserem Buch geben (z.B. die Erfahrung, die eigene Kindheit abzuschließen – oder aber wieder zu erleben, sobald wir selbst Eltern werden).

Noch ein guter Tipp fürs Überarbeiten: „Schreib alle Absätze um, die mit „Ich“ beginnen.“ Natürlich sind Memoirs Ich-zentrierte Bücher – trotzdem sind unsere Erfahrungen laut Roach nur Beispiele für die größeren Themen, um die es geht. Jedenfalls, wenn wir wollen, dass unser Buch gelesen wird.

Ob mein Buch gelesen wird, interessiert mich allerdings weitaus weniger als die Frage, ob mein Leben interessant und lebenswert – oder mit Roach’s Worten „excellent“ – ist. Das beides zusammen hängt, finde ich aber praktisch.

Heute abend erfuhr ich, wie lebenswert auch ein müde-melancholischer Herbsttag werden kann, wenn die richtige „kleine Sache“ passiert. Und die spornte mich dann auch gleich zum Schreiben an.

In dreckiger Spielhose, die blonden Strubbelhaare zerzaust, die Haut ganz kalt vom Wind, setzte sich mein kleiner Sohn zu mir aufs Sofa, in der Hand die gelbe Musikmappe: „Durch den Wald und über’s Feld wirbeln bunte Blätter. Graue Wolken türmen sich, bald gibt’s Regenwetter“, sang er mit klarer Jungenstimme. Und weiter: „Der Herbst ist da, der Herbst ist da; ich mag den Herbst so sehr, denn der Herbst kommt manches Mal so wild wie ich daher!“

Ja, mein kleiner wilder Junge, von seinen Fußballfreunden „die Tormaschine“ genannt, hat ein Herz für die Musik, für melancholische Töne und für seine Mutter. Erst vier Lieder später legte er die Mappe weg und auch nur, weil wir zum Abendessen gerufen wurden.

Wie kitschig, wie rührselig, ich weiß. Und ich glaube auch, die Szene würde bei einer Überarbeitung einfach aus meinem Manuskript fliegen. Darüber hinaus weiß ich aber, dass mir diese kleine Sache den Tag gerettet hat. Und das ist zumindest eine Erwähnung in diesem Blog-Post wert, oder?

 

Alles wird gut

Worte wirken. Das erzähle ich hier in regelmäßigen Abständen. Im Augenblick sind es Sätze, die wirken. Das kennt Ihr vielleicht auch: Irgendjemand sagt lapidar ein paar Worte und in Eurem Kopf macht es hörbar: „Klick“. Ihr wisst in diesem Moment: „Da hat jemand genau das Richtige gesagt.“ Oder Ihr denkt: „Das ist die Lösung – dass ich da vorher nicht drauf gekommen bin.“

Leider kann man diese Sätze nicht einfordern. Sie kommen uns zu Ohren oder sie kommen uns eben nicht zu Ohren. Es hilft, wenn ich offen für sie bin. „Neugierig und offen“ – ist selbst so eine wichtige Phrase und zugleich eine magische Haltung  für alle Lebenslagen. „Wie ich wohl diesmal wieder mit dieser gruseligen Krise umgehen werde?“, kann ich mich immer fragen und mich gleich ein bisschen besser fühlen. Dabei  begebe ich mich nämlich in eine Beoachterposition und stecke nicht mehr so tief im Gefühlsdickicht fest.

Im Moment frage ich mich manchmal, „Wie ich wohl diesmal die Deadline für mein Buch schaffe, ohne Nächte durchzumachen und mich verrückt zu machen?“ Ich kann Euch beruhigen: Noch ist alles im Lot. Mir geht es gut. Dank dieser magischen Sätze, die manche Leute einfach mal so vom Stapel lassen oder aufschreiben und die bei mir ins Schwarze treffen.

„Wer schnell sein will, muss langsam gehen“, ein Buchtitel, erinnert mich etwa daran, dass Aktionismus meist ins Leere führt – bei meinem Buch etwa zu vielen vollen Seiten ohne brauchbaren Gedanken. Wochenlang war „Masse statt Klasse“ ein guter Tipp – in meinen Freewritings fand ich viele Gedankenperlen, aber nun geht es ums Ernten, ums Verdichten, ums Aussortieren, ums Fertig werden. Da schalte ich vor dem Schreiben einen Gang herunter und überlege, was ich genau für den nächsten Abschnitt benötige.

An dieser Stelle bitte ich auch wieder einmal alle Freundinnen und Bekannten um Nachsicht, wenn ich zur Zeit noch weniger verfügbar bin als sonst. Ich vergesse keinen von Euch und behalte Euch und Eure Sätze immer wie Schätze in meinem Herzen.

„Alles wird gut“, sagte eine von Euch neulich zum Beispiel. Danke, das tat gut. Leider fragt mein Sohn manchmal etwas altklug nach: „Wieso wird alles gut? Woher weißt Du das?“ Ich hatte keine gute Antwort parat. Wenn eine von Euch also einen Satz herumliegen hat, der passt, bitte gerne schicken …

Eure Birgit